Sonntag, 8. November 2015

Die Wieder-Entdeckung der Mitte

Kaccānagotta suttaṃ
(Yudo J. Seggelke)

Wir sind heute mehr denn je in Gefahr, von einem Extrem ins andere zu fallen, und dabei werden wir immer unruhiger und zielloser. Die Extrem-Berichterstattung der Massenmedien verunsichert dabei zusätzlich, gewollt oder nicht. Im Ausland wird das die German Angst genannt, aber solche latente permanente Angst gibt es sicher in allen Industrienationen, gepaart mit dem geistigen Zerhacken des Multitasking und der Cyber-Sucht. Keine Frage: Wir müssen unsere Mitte wieder-entdecken.

Was kann nun der Buddhismus zur Lösung dieses Problems beitragen? Es heißt doch, dass durch Buddha und den großen indischen Meister Nâgârjuna der Mittlere Weg gelehrt wurde. Um der hoch brisanten Frage unserer verlorenen Mitte nachzugehen, haben ich den wohl wichtigsten Text Buddhas zu diesem Problem vertieft analysiert und bin dabei auf den Urtext des suttas der Lehre für Kaccāna zurückgegeangen. Peter Gäng hat mir dafür dankenswerter Weise seine sehr wörtliche Übersetzung aus dem altindischen Pali, der Sprache Buddhas, zur Verfügung gestellt, die ich modifiziert und als Ausgangspunkt für diesen Text verwendet habe. Ich halte diese Arbeitsweise der präzisen Übersetzung für sehr wichtig ja notwendig, um unsachgemäße Verkürzungen und Veränderungen auszuschalten, die sich in jeder Tradition oft unerkannt einschleichen. Der Buddhismus macht dabei keine Ausnahme.

Wie es heißt, begab sich ein Mitglied des Hauses Kaccāna zu Buddha, der in dem Ort Savatthi weilte, um ihn zur Bedeutung der rechten Sichtweise in seiner Lehre zu befragen. Der Ausdruck der „rechten Sichtweise“ erscheint u. a. als erstes Glied des Achtfachen Pfades und ist dort die wesentliche Grundlage der sieben weiteren Glieder. Und es fragt sich in der Tat, was mit rechter Sichtweise eigentlich gemeint ist. Auch im fundamentalen Text des Mittleren Weges von Meister Nâgârjuna, MMK, kommt dieser Frage eine zentrale Bedeutung zu, nicht zuletzt weil in einem Kapitel dieses fulminanten Werkes, und als einziges explizit, auf diese sutta verwiesen wird. Es ist daher auch ein wesentlicher Schlüssel für das ganze Werk des berühmten MMK. Die falschen Sichtweisen und falsche Doktrinen aus der Sicht Buddhas werden zudem im MMK in anderen Kapiteln beschrieben.

Die rechte Sichtweise beschreibt konkret, genau das, was man mit dem rechten Geist und der rechten Wahrnehmung in dieser Welt sieht und erkennt. Was Buddha mit „recht“ ausdrückt, werde ich noch kurz erläutern. Im englischen Sprachraum wird für eine derartige pragmatische Sichtweise häufig der Begriff „empirisch“ verwendet, der allerdings m. E. im deutschen Sprachraum sehr eng für quantitative naturwissenschaftliche Analysen und Forschung verwendet wird. Ich halte ihn daher für weniger geeignet. Er wäre in der Lehre der vier Lebens-Philosophien Nishijima Roshis die materielle Sicht, die als Teil-Wahrheit und Teil-Realität einzustufen ist.
Der Gegensatz hierzu wird im englischen Sprachraum meistens als „metaphysisch“ bezeichnet und bedeutet dort nicht empirisch oder pragmatisch sondern spekulativ, ideologisch und realitätsfremd. Metaphysische Zusammenhänge können in dieser Terminologie weder beobachtet noch erfahren werden.

Ich möchte im Deutschen dieses Begriffs-Paar nicht verwenden, da die Empirie in der kontinentalen Philosophie eine andere und viel zu enge Bedeutung für Buddhas Texte hätte. Die Metaphysik wird im angelsächsischen Bereich im Allgemeinen heftig, grundsätzlich kritisiert und wenig beachtet, während sie in der europäischen Philosophie eine hohe Bedeutung hat und zur Abgrenzung gegenüber der Naturwissenschaft und Technik verwendet wird. Wir möchten daher in Deutsch den Begriff der Phänomenologie verwenden, der eine sehr genaue Beobachtung beinhaltet aber nicht  durch zu enge quantitative Aussagen nach Zahl, Maß und Gewicht beschränkt ist.

Die Phänomenologie verliert sich aber nicht in reinen Spekulationen und romantischen Fantasien, die im englischen Sprachraum etwa mit Metaphysik gekennzeichnet werden. Nâgârjuna geht nämlich im MMK recht pragmatisch und nüchtern vor, er verfällt aber auch nicht in eine zu enge materielle Sicht und verliert sich schon gar nicht in Spekulationen und romantischen Ideologien. Typische Begriffe für ihn sind „wird nicht gefunden“ und „wird gezeigt“ und kennzeichnet seine pragmatisch nüchterne Beobachtung. Falsifizierungen, die in sich widersprüchlich und unlogisch sind, werden bei ihm dagegen meistens als „passt nicht“ gekennzeichnet.

Kernpunkte dieses suttas, was die rechte Sichtweise ist, sind die Aussagen Buddhas über Existenz und Nicht-Existenz.
Nun zum authentischen Text:
Buddha weilte in Sāvatthi.
Da nun begab sich der ehrwürdige Spross aus dem Hause Kaccāna dorthin, wo der Erhabene sich befand. Nachdem er sich dorthin begeben und den Erhabenen ehrfürchtig begrüßt hatte, setzte er sich zu seiner Seite nieder.
An der Seite sitzend, sprach nun der ehrwürdige Spross aus dem Hause Kaccāna zum Erhabenen also:

"Rechte Sichtweise, rechte Sichtweise, Herr, sagt man. Was, Herr, ist nun die rechte Sichtweise?"

Buddha antwortete:

"Die Welt ist üblicherweise auf zwei Bereiche und Ansichten gestützt, verehrter Kaccāna:
- auf  die Ist-heit (unveränderliche Existenz)
- auf  die Nicht-ist-heit (Nicht-Existenz, das Nichts).“

Im Buddhismus gibt es die Grundwahrheit, dass sich alles verändert, im Wandel ist und dass es nichts Dauerhaftes und Ewiges gibt. Das mag Idealisten und Romantiker vielleicht enttäuschen, aber leuchtet bei klarer Betrachtung der Wirklichkeit direkt ein: besonders für Lebewesen, die sich selbst dauernd verändern, einen Stoffwechsel haben, eine Informations-Verarbeitung im zentralen Nervensystem oder auch nur steuernde Ganglien im Rückenmarks besitzen. Aber die Veränderung gilt natürlich auch für die Materie. Wir wissen, dass unsere Erde etwa sechs Milliarden Jahre alt ist und sich dauernd verändert. Dazu gehören nicht nur Vulkanausbrüche, Wärme- und Kaltperioden, sondern auch Katastrophen wie die Sturmfluten, Tsunamis, Hurrikans, Einschläge von Meteoriten usw.

Jeder der die Welt beobachtet und nur etwas darüber nachdenkt, wird dem zustimmen, dass es über längere Zeitperioden immer Veränderungen gibt. Diese können beim Menschen Veränderungen zum Schlechteren, zum Beispiel bei Krankheiten, Trennungen, depressiven Phasen oder Verarmungen sein, es können aber auch Veränderungen zum Besseren sein, zum Beispiel durch Lernprozesse, Befreiungsprozesse, materiellen Fortschritt, eine neue gute Partnerschaft, Genesung usw..

Es ist klar, dass es keine dauerhafte unveränderliche Existenz in der Welt geben kann, weder bei der Materie noch bei den Lebewesen. Nur wenn man sich eine ideelle oder religiöse Andersartigkeit vorstellt, zum Beispiel einen Gott, den Aristoteles den „Unbewegten Beweger“ nennt, gäbe es dauerhafte Existenz. Buddha und Nâgârjuna konzentrieren sich jedoch auf diese Welt der Beobachtungen und Erfahrungen unseres Lebens, in dem es eben keine dauerhafte Existenz gibt.

Buddha erläuterte dem verehrten Kaccāna nun diese beiden extremen Alternativen, die sich vielleicht einfach anhören, aber nicht so einfach zu verstehen sind, wie man zunächst annimmt. Sie sind für die fundamentale Lehre des Mittleren Weges aber von größter Bedeutung und wesentliche Grundlage des MMK von Nâgârjuna.

Buddha erläuterte:
„Jemand betrachtet mit rechter Erkenntnis das Entstehen der Welt, wie sie geworden ist. Für ihn ereignet sich richtiger Weise nicht dasjenige, was in der Welt die Sichtweise der Nicht-Existenz genannt wird. Es ereignet sich kein Entstehen aus der Nicht-Existenz.
Das wäre nämlich die extreme Ansicht des Nichts.“

Was mit der extremen Ansicht der einseitigen Existenz gemeint ist, die vermieden werden soll, wird noch genauer untersucht.

Philosophisch nicht weniger schwierig ist die Frage, was es mit der Nicht-Existenz auf sich hat. Das wäre nämlich das Nichts und könnte unbemerkt in einen diffusen Nihilismus abgleiten. Aber lässt sich das Nichts beobachten und erfahren?

Nach meiner Ansicht ist so ewas in der Wirklichkeit kaum möglich, sondern es ist lediglich als Kontrast zu der Realität und als Idee und Denken in unserem Gehirn möglich. Das Nichts macht auf der Wort- und Denk-Ebene Sinn als Gegenpol zur erfahrbaren Wirklichkeit. Es macht aber wenig Sinn zu behaupten, es gebe überhaupt nichts auf der Welt, es gebe daher keine Realität und keine Wahrheit. Ein solcher Nihilismus ist zudem äußerst unpraktisch und führt in die Verwirrungen oder in Schein-Argumentationen. Die Lösung des Nihilisten wäre nur der Suizid.

Schon Aristoteles empfahl, dass man mit einem Nihilisten, der behauptet, es gäbe keine Wirklichkeit, ins Gebirge an eine steile Schlucht gehen solle und ihm sagen: Es gibt wie Du sagst keine Wirklichkeit, dann mach doch einen Schritt vorwärts, weil es ja den Abgrund und die steile Klippe vor dir gar nicht gibt. Kein Mensch, der nicht Suizid begehen will, würde einen solchen Schritt tun. Wenn er aber den Schritt nicht tut, hat er seine eigene Weltanschauung eines Nihilisten ad absurdum geführt.

Buddha erläutert die Nicht-Existenz in dem ersten Teil seiner Antwort für den jungen Kaccāna. Er benutzt dabei die Begriffe „rechte Erkenntnis des Entstehens in der Welt“, hat daher ein Weltbild der positiven Veränderungen und Prozesse und nicht der unveränderlichen Entitäten und Substanzen zu Grunde gelegt. Dies nennt er die rechte Erkenntnis des Entstehens.

Die Sichtweise der Nicht-Existenz lehnt Buddha hier eindeutig ab und präzisiert, dass dies besonders wichtig ist, wenn man das Entstehen bedenkt und es genau beobachtet. Es ist also nicht sinnvoll, wenn wir sagen, es entsteht irgendwas aus dem Nichts und aus der Nicht-Existenz. Denn in den Prozessen und Abläufen auf der Welt gibt es immer ein Vorher, aus dem sich das Nachfolgende entwickelt. Dies gilt insbesondere im wechsel-wirkenden Entstehen, das in der Präambel des MMK genannt wird. Wenn man daher das Entstehen in dieser Welt beobachtet und selbst erfährt, ist es unsinnig zu sagen, dass es sich aus einer Nicht-Existenz entwickelt.


Buddha fährt fort:
„Jemand betrachtet mit rechter Erkenntnis das Vergehen der Welt, wie sie geworden ist. Für ihn ereignet sich richtiger Weise nicht dasjenige, was in der Welt die Sichtweise der Existenz genannt wird. Es ereignet sich kein Vergehen aus der Existenz.“

Etwas dauerhaft Existierendes, also die Sichtweise der Existenz, ist ebenfalls nicht zu beobachten und nicht erfahrbar. Daher ist es unsinnig zu sagen, dass etwas vergeht, das vorher eine dauerhafte Existenz hatte, denn dieses ist ein Widerspruch in sich: Wenn etwas existiert und dauerhaft da ist, kann es sich nicht verändern und nicht vergehen. Nâgârjuna untersucht an vielen Stellen im MMK die Weltanschauungen einer dauerhaften Existenz oder Substanz, die unveränderlich sei und zudem isoliert für sich allein existieren könne. So etwas ist nicht zu beobachten und kann auch nicht erfahren werden.

Das wäre nämlich die extreme Sicht einer ewigen dauerhaften Ich-Substanz wie der altindische Glaube des âtman.
Eine solche extreme Sichtweise der Existenz ist ebenfalls zu vermeiden

Beide Extreme der Nicht-Existenz und der Existenz müssen in der Lebenspraxis vermieden werden. Sie sind Denk-Konstrukte unseres Gehirns, die sich von der Wirklichkeit und der Wahrnehmung entfernt haben und können bei genauer Beobachtung ohne Vorurteile in der Welt nicht gefunden werden. Eine solche Sichtweise und gründliche Analyse möchten wir phänomenologisch nennen. Dass MMK ist also die Phänomenologie des Mittleren Weges ohne die Extreme der Existenz und Nicht-Existenz.

Diese beiden Extreme können in der Welt nicht beobachtet werden und sind real nicht erfahrbar. Gleichwohl ist immer wieder eine Tendenz festzustellen, in diese beiden Extreme zu verfallen und damit die Prozesshaftigkeit und Vernetzung zur Welt außer Acht zu lassen. Das ist nicht zuletzt eine Fiktion, die vor Allem durch unsere Sprache bedingt ist. Durch diese mangelnde Fähigkeit, die Realität zu sehen und zu erfahren wie sie ist, entstehen für uns Menschen große Gefahren, die zu Leiden und Schmerz führen. Unseres Erachtens ist dies genau der Grund, warum Gautama Buddha die altindische Vorstellung eines unveränderlich existierenden Selbst, des Ich-âtman, abgelehnt hat. Sie schadet den Menschen viel mehr als sie nützt.

Buddha erläutert weiter:
„Kaccāna, diese Welt ist ja zumeist durch Aufsuchen, Ergreifen und Dabei-Verharren gefesselt.
Jemand hat aber nun die rechte Sichtweise, der jenes Aufsuchen und Ergreifen, das Darauf-Richten und Einengen des Denkens, sein Eindringen und Darin-Beharren gerade nicht aufsucht, nicht ergreift, und sich nicht darauf richtet.
Denn die rechte Sichtweise ist: „Dies ist nicht mein Ātman“ und nicht meine dauerhaften Selbst-Existenz oder Ich-Substanz.

Buddha fasst noch einmal zusammen, dass es der prozesshaften realen Welt nicht entspricht, wenn wir etwas als Dauerhaftes ergreifen wollen und uns damit der natürlichen Veränderung entgegenstemmen. Eine solche Weltanschauung erlaubt selbstverständlich keine Lernprozesse, deren typisches Merkmal ja gerade die positive Veränderung zum Besseren ist.

Der Glaube oder die Sucht nach Unveränderlichkeit und Dauerhaftigkeit ist also eine Sackgasse, die zu Leiden, Verkrampfungen und psychischen sowie physischen Schmerzen führen muss. Das Gegenteil davon ist eine lebendige Entwicklung, die heute gern als Flow bezeichnet wird. Dabei ist entscheidend, dass der Mensch sich in diesem Fließen und in dieser Veränderung wohl fühlt und vor allem Entwicklungs-Prozesse nicht nur laufen lässt, sondern aktiv und auch bewusst steuert: Wir brauchen für unsere Veränderungen eine wirkungsvolle Selbst-Steuerung.

Buddha fährt zu Kaccāna gewandt fort:
„Leiden ist eben, was entstehend entsteht, Leiden ist eben, was vergehend vergeht.“

Leiden ist also kein Ding und keine dauerhafte Entität und entsteht und vergeht bei dem Prozess des Leidens.

„Dies ist rechte Sichtweise für jemanden, der nicht unsicher ist, nicht zweifelt und dessen Wissen nicht von Anderem abhängig oder durch Andere bedingt ist.

Buddha kommt damit auf das Leiden zu sprechen und sagt, dass es wie jeder lebende Prozess entsteht und vergeht. Das bedeutet, dass wir das Entstehen soweit wie irgend möglich frühzeitig beobachten und vermeiden und das Vergehen des Leidens aktiv erlernen und unterstützen sollten. Diese Prozesse werden von Buddha den erstarrten Weltanschauungen von Existenz und Nicht-Existenz gegenüber gestellt. Wer erkannt und wirklich realisiert hat, dass es derartige Veränderungen zum Besseren gerade beim Leiden gibt, braucht zudem Stabilität und innere Sicherheit, um sinnvoll zu leben. Diese Stabilität lernt man vor Allem durch regelmäßige Meditation. Ein solcher Mensch ist also nicht unsicher und zweifelt nicht, ist nicht von anderen abhängig und nicht durch Ideologien und starre Weltanschauungen festgelegt.

„'Alles existiert', Kaccāna, ist das eine extreme Ende. 'Alles existiert nicht', ist das andere extreme Ende. Diese beiden Extreme vermeidend, verkündet der Tathāgata seine Lehre der Mitte zwischen diesen beiden extremen Enden“:

Und wie entwickelt sich nun die gesamte Masse des Leidens aus dem Nichtwissen und aus den beiden Extremen?

- Das Nichtwissen bedingt die formenden Kräfte
- die formenden Kräften bedingen das Bewusstsein,
- Bewusstsein bedingt Name und Form,
- Name und Form bedingen den sechsfachen Bereich der Wahrnehmung,
- der sechsfache Bereich bedingt die Berührung,
- die Berührung bedingt Gefühl und Empfindung,
- Gefühl und Empfindung bedingen den Durst,
- der Durst bedingt das Anhaften,
- das Anhaften bedingt das Werden,
- das Werden bedingt die Geburt,
- die Geburt die ganzen Nöte und Störungen von Altern und Sterben,
 Kummer, Klagen, Leiden.
- So geschieht das Entstehen der gesamten Masse des Leidens.“

Nachdem Buddha geklärt hat, dass die Weltanschauung sowohl der Existenz und als auch der Nicht-Existenz unbrauchbar sind und dass Abhängigkeiten und gieriges Ergreifen ebenfalls ins Unglück führen, erläutert er in der folgenden Einteilung und Abfolge von zwölf Gliedern die Zusammenhänge im realen Leben der Menschen. Er spricht zunächst davon, wie Menschen sich in ihrer Entwicklung verengen, verhärten, erstarren und wie die „gesamte Masse des Leidens“ entsteht.

Diese Kette von Zusammenhängen wird in einigen Traditionen mit dem Glauben an eine Wiedergeburt und eine Folge verschiedener Leben verbunden. Mir erscheint es allerdings stimmiger und praktikabler die Abfolge auf ein einziges Leben beziehen. Das hat den Vorteil, dass wir die Schritte der Abhängigkeiten oder im Gegenteil der Befreiung klarer beobachten und erfahren können. Sicher ist für die meisten von uns ein wirklich sonnenklares Wissen aus früheren Leben kaum erreichbar. Auch Buddha selbst hat uns eindringlich davor gewarnt, uns viel mit den beiden Fragen zu beschäftigen: „Was war ich im früheren Leben“ und „was werde ich im nächsten Leben sein“. Das führt leider schnell zu ausufernden Spekulationen und auch zum Macht-Missbrauch spiritueller Eliten.

Dieser Ablauf, der ins Leiden führt, wird in einigen Traditionen von den obigen Aussagen Buddhas dieses Textes abgekoppelt. Dem folge ich nicht. Denn der negative Ablauf vollzieht sich nach diesem sutta gerade, wenn wir von den Ideologien der Extreme von Existenz und Nicht-Existenz abhängen und wenn wir durch die drei buddhistischen Gifte Gier, Hass und Verblendung unsere Selbst-Steuerung verloren haben und erstarren. Wenn diese beiden Voraussetzungen der Existenz und des Anhangens entfallen, findet der negative Ablauf dieser Zwölf Glieder nicht statt, sodass unser Leben nicht ins Leiden führt. Im Gegenteil, das ist der Weg der Befreiung.

Die Aussage zur Geburt in der obigen Aufzählung hat sicher eine wesentliche Bedeutung beim Glauben an die Wiedergeburt und mehrere Leben. Ich halte es jedoch für plausibel, dass Buddha dabei auch und gerade die Teufelskreise und zwanghaften Wiederholungen von Fehlern in unserem jetzigen Leben benennt. Gerade psychische Verfestigungen und Wiederholungs-Zwänge von falschem unethischen Handeln sind maßgebliche Gründe für das Leiden und die fehlende Selbststeuerung in unserem Leben.

Besonders deutlich wird dies natürlich bei Suchtabhängigen, die zum Beispiel dem Alkohol, Drogen, aber zunehmend auch digitalen Süchten, die zu digitaler Demenz führen, verfallen sind. Man denke nur an digitale Spielsysteme, die ganze Familien materiell, geistig und ethisch zerstören oder an das Suchtverhalten bei den sog. sozialen Netzen, die eine schwere Bedrohung für die menschliche Kommunikation im lebenden Dialog der Empathie sind.
Dann ist der Weg der Befreiung in zwölf Gliedern versperrt.

Aber wie entwickelt sich aus der Auflösung des Nichtwissens und dem Vermeiden der beiden Extreme die Befreiung?

„- Aus dem restlosen Verschwinden und dem Vergehen des Nichtwissens
entsteht die Befreiung der formenden Kräfte;
- befreit von diesen formenden Kräften entsteht die Befreiung des Bewusstseins,
- befreit von diesem Bewusstsein entsteht die Befreiung von Name und
Form,
- befreit von diesem Namen und dieser Form entsteht die Befreiung des
sechsfachen Bereichs der Wahrnehmung,
- befreit von diesem sechsfachen Bereich entsteht die Befreiung der
 Berührung,
- befreit von dieser Berührung entsteht die Befreiung von Gefühl und
 Empfindung,
- befreit von diesem Gefühl und dieser Empfindung entsteht die Befreiung
vom Durst,
- befreit vom Durst entsteht die Befreiung vom Anhaften,
- befreit vom Anhaften entsteht die Befreiung von Werden,
- befreit vom Werden entsteht die Befreiung von Geburt,
- befreit von der (Angst der) Geburt entsteht
- die Befreiung von den ganzen Nöten und Störungen von Altern und
Sterben, Kummer, Klagen, Leiden.
So geschieht die Auflösung der gesamten Masse des Leidens.“

Von zentraler Bedeutung für die unglücklichen Veränderungsprozesse zum Leiden sind die von Buddha genannten falschen Extreme der totalen Existenz und der totalen Nicht-Existenz, also dem Anhaften an Dauerhaftigkeit und Unveränderlichkeit im Leben oder an dem Nichts und dem Nihilismus. Dabei sind die treibenden Kräfte die Unwissenheit über die Wirklichkeit und nicht zuletzt Gier und Hass.

Wenn unser Geist und unsere Gefühle aber nicht von den Extremen der Existenz und Nicht-Existenz besetzt sind und uns keine fatalen Abhängigkeiten und kein fixiertes Anhaften kettet, kann es „restloses Verschwinden und Vergehen des Nicht-Wissens“ geben und daraus „entsteht die Befreiung der formenden Kräfte“, die maßgeblich für Antrieb, Willen und Handeln in unserem Leben sind. Für eine sinnvolle Selbst-Steuerung ist eine solche Befreiung von zentraler Bedeutung.

Buddha nennt in diesem Sinne die Zwölf Glieder der Befreiung und der Auflösung des Leidens. Dabei werden die verschiedenen Bereiche des Menschen genannt: formenden Kräfte, Körper und Form, Namen und Bezeichnungen, Wahrnehmung, Berührung und vor allem das Gefühl und die Empfindung. Wenn die fixierenden Gefühle wie Gier und „Durst“ zur Ruhe gekommen sind, kann der Befreiungsprozess jeweils weitergehen, wir sind dann vom Anhaften und dem „Werden“ in Teufelskreisen befreit.