Donnerstag, 5. Januar 2017

Das Geheimnis des Herz-Sutra: Neue Deutung

Neue Klarheit beim Herz-Sûtra durch Nagarjunas Mittleren Weg?
Um es vorweg zu sagen: Zum Verständnis und zur Interpretation des geheimnisvollen Herz-Sutra ist es aus meiner Sicht sinnvoll und wohl notwendig, die Aussagen Nâgârjunas aus seinem großen Werk des Mittleren Weges (MMK) heranzuziehen. Denn dadurch lassen sich scheinbare Paradoxien und Unklarheiten auflösen. In ähnlicher Weise gehen Kazuaki Tanahashi und Joan Halifax in dem großartigen und umfassenden  Buch "The Heart Sutra" und dessen Übersetzung ins Englische vor.

Von zentraler Bedeutung ist das Verständnis der Wirklichkeit Buddhas und Nâgârjunas als wechsel-wirkendes gemeinsames Entstehen (pratitya samutpada), das bisher meist vereinfachend und nicht ganz exakt als abhängiges Entstehen übersetzt wurde. Genau diese Wechsel-Wirkung wird mit  Leerheit bezeichnet. Und: Der Begriff der Leerheit ist für viele von uns schwer zu verstehen und wird bei falschem Verständnis, wie Nâgârjuna sagt, zu einer gefährlichen "giftigen Schlange". Aber Leerheit kann durch das Entstehen in Wechsel-Wirkung der Wirklichkeit ohne Mystifizierung verstanden werden. Wie denn sonst?

Verkürzt kann man m. E. sagen, dass das Herz-Sutra eine Kurzfassung des Mittleren Weges ist, also sollten wir dieses Werk Nâgârjunas studieren und daran das Herz-Sutra erklären. Das ist bisher nicht konsequent geschehen: Für mich ist es undenkbar, dass beide sich fundamental unterscheiden.


Ohne das obige Verständnis der Wirklichkeit kann nach Nâgârjuna die Befreiungs-Lehre Buddhas weder verstanden noch verwirklicht werden; der weiter führende WEG ist dann blockiert und durch zum Teil abenteuerliche Vorstellungen der Leerheit versperrt oder vergiftet.



Dann bleibt die großartige Wahrheit des Herz-Sutra verborgen und dieses Mantra ist wirkungslos - um es freundlich auszudrücken. Gläubige Naivität, fehlende Reflektion und Verwirrung sind nach Nagarjuna gerade nicht das Anliegen des Buddhismus. Dann ist es schon besser, das Herz-Sûtra in Japanisch, Tibetisch oder auch Deutsch zu rezitieren und die Bedeutung ganz beiseite zu lassen. Aber ist das wirklich die Lösung des Problems? Wohl kaum.

Nârgâjunas Mittlerer Weg:
Im ersten Teil der Präambel des MMK werden acht wichtige buddhistische Begriffe negiert, z. B. „Nicht-Entstehen“, und "Nicht-Vergehen", sowie "Nicht-Abbrechen" und "Nicht-Andauern" usw.. Das sind übrigens genau die selben Begriffe wie in den sechs Negationen im Herz-Sutra. Damit fordert Nâgârjuna uns m. E. auf, die nur oberflächlich verstandenen Begriffe in Frage zu stellen, die nicht selten dogmatisch verhärtet und zu Worthülsen verkommen sind. Sie sollen entschlackt und zu neuer Kraft und zu neuem Leben erweckt werden. Es geht keineswegs um deren vollständige Verneinung, wie nihilistische Interpreten behauptet haben. Nihilismus ist nämlich eine extreme Philosophie, die nach dem Mittleren Weg gefährlich und abzulehnen ist. Wir dürfen auch nicht die mathematische Logik des Exklusiven-Oders (Ja oder Nein) anwenden, das ist nicht die "Weisheit jenseits der Weisheit" (Tanahashi)

Was sagt nun Nâgârjuna zu diesem Thema?
Die Präambel des Mittleren Weges (MMK) beschreibt in sehr kompakter Form dessen Kern-Aussagen. Sie lenkt unseren Geist und unser Leben auf das große Anliegen Nagarjunas, eine belastbare Grundlage für den authentischen Buddhismus zurückzugewinnen und gleichzeitig die philosophische Entwicklung in Indien seit Buddha einzubeziehen und zu nutzen.

Damit wird m. E. das Tor für die weite Verbreitung der korrekten buddhistischen Lehre und Praxis über Indien, China, Japan usw. bis hin zur Moderne im Westen geöffnet. Was sind nun die Kern-Aussagen der Präambel, die in den folgenden Kapiteln des MMK im Einzelnen bearbeitet und philosophisch zwingend belegt werden?

Nagarjuna will m. E. ganz klar zwischen den Vorstellungen, Doktrinen und Dogmen in unserem Gehirn und der Realität des Entstehens in Wechsel-Wirkung unterscheiden (z. B. der Lehre der Sarvastivadins der dauerhaften Existenz der Dharmas ). Und diese Realität bezeichnet er als Leerheit! Es geht ihm darum, wann und wo solche Vorstellungen und Dogmen sich in unserem Gehirn verselbständigt und isoliert haben (z. B. der Glaube an eine isolierte unsichtbare Essenz). Dann haben sie den Bezug zur Wirklichkeit verloren, sind Täuschungen und es gibt keine Wechsel-Wirkung von Realität zu unserem Geist. Es ist für mich undenkbar, dass Entstehen und Vergehen usw. falsifiziert werden, denn das wäre die Ablehnung von Veränderung, Lernen und Emanzipation, also der zentralen Lehre des Buddha-Dharma, der Vier Edlen Wahrheiten und des Achtfachen Pfades und der Zwölffachen Kette. Das Gegenteil ist also richtig. Diese führt im Übrigen in einer Folge von Kausalitäten ins Leiden, wenn unser Geist von den Extremen der Existenz und Nicht-Existenz besetzt ist aber zur Freiheit, wenn wir geistig dem Mittleren Weg folgen (Kaccana sutta). 

Dann kommt die zentrale Botschaft des MMK:
Die Realität der Welt und des Lebens kann gerade durch das „wechsel-wirkende gemeinsame Entstehen“ (pratitya samutpada) treffend verstanden werden. Diese Wechsel-Wirkung ist die wirklich belastbare Grundlage für unseren eigenen Weg der Befreiung, Emanzipation und Weiter-Entwicklung, also der Überwindung des Leidens und des Erwachens. Sie ist gleichzeitig der Schlüssel zu dem Begriff der Leerheit, der diese Wechselwirkung bezeichnet, (MMK, Kap. 24, Vers 18 und 19). Damit werden mythologischen Bedeutungen (Ontologie und Metaphysik) der Welt abgelehnt und destruiert. Sie sind Hemmnisse auf dem Weg der Befreiung. Die obigen Negationen sind daher das falsche Weltverständnis einer Wirklichkeit, die keine Wechsel-Wirkung und damit keine Leerheit kennt und gerade nicht mit dem authentischen Buddhismus übereinstimmt. Das berühmte Herz-Sutra stimmt m. E. mit dem MMK und den obigen Aussagen fast wörtlich überein.

Auf dem buddhistischem Weg kommen auch vielfache Fehlentwicklungen unseres Leben zur Ruhe und vergehen, die uns häufig hemmen und verwirren. Sonst würde unser fast unbegrenztes menschliches Potential ungenutzt bleiben, z. B. unseres Geistes: Wir würden es schlicht vergeuden.

Die Präambel des MMK endet: Gautama Buddha zeigte uns als vollkommen Erwachter diesen Weg der Befreiung. Nagarjuna verehrt ihn als den größten Lehrer und den „besten der Sprechende


Zurück zum Herz-Sûtra:
Alle Extreme sind nach dem Mittleren Weg gerade kein brauchbares Verständnis der Wirklichkeit. Deshalb sind Nicht-Existenz, absolute Negationen und Nihilismus mit dem Buddhismus nicht vereinbar (Quelle: Kaccana sutta und MMK). Aber im Herz-Sûtra gibt es doch so viele Negationen. Wie soll man diese verstehen, empfinden und erfahren?

Alle Doktrinen ohne wechsel-wirkendes gemeinsames Entstehen und damit ohne Leerheit sind wie oben dargestellt unzureichend. Sie beschreiben eine unveränderliche, statische und erstarrte Welt von Gegenständen und Gegebenheiten, die es nicht gibt und nicht geben kann. Dann kann es z. B. kein Entstehen, kein Vergehen, keine Veränderungen, keine Emanzipation und keine Erleuchtung geben. Solche Doktrinen können überhaupt nicht als Grundlage für Buddhas praktischer Philosophie zum Erkennen und Überwindung des Leidens verwendet werden (MMK, Kap. 24). Es sind Doktrinen, die meist von einer unsichtbaren Eigen-Essenz der Dinge und Phänomene dieser Welt ausgehen, die isoliert, aus sich selbst und ohne Wechselwirkung entstanden sind. Aber so Etwas ist nach Buddha Täuschung und gefährliche Illusion.

Solche falschen Ideologien hatten sich zur Zeit Nâgârjunas (und bis in die heutige Zeit) wieder im Buddhismus verbreitet und wurden von ihm einer präzisen De-Konstruktion (ähnlich beim französischen Philosophen Derridá) unterzogen (Kap. 1).

Schlussfolgerung:
Nach Nâgârjunâ kann man analog zum Mittleren Weg, der Grundlage des Mahayana ist, konkret zum Herz-Sûtra Folgendes sagen:

Der Bodhisattva ist ein voll Erleuchteter mit Körper, Geist und Handeln, der anderen tatkräftig hilft, ohne für sich selbst einen spirituellen Vorteil anzustreben. Er  hat das Höchste des möglichen Wissens erreicht und ist frei von Doktrinen.

Die Komponenten des Menschen (skandhas) werden am Beispiel der Form, des körperlich Materiellen, in ihrer Wirklichkeit beschrieben (Kap. 4): Sie unterliegen dem  gemeinsamen Entstehen in Wechsel-Wirkung und der Vernetzung der Wirklichkeit (Präambel und Kap. 1), die Nâgârjuna als Leerheit bezeichnet. Daher sind die Form und die anderen skandhas leer

Die wirkliche Form ist also in Wechsel-Wirkung und genau deswegen ist sie leer, leer von allem Unveränderlichem, dem âtman, einer unsichtbaren Eigen-Essenz oder einer isolierten Eigen-Substanz. Die Komponenten des Menschen sind in der Wirklichkeit nicht voneinander getrennt und nicht isoliert, sondern vernetzt, in Wechsel-Wirkung und ohne Eigen-Essenz. Aber sie sind auch nicht nur materiell zu verstehen, sondern gehen über Materielles hinaus. Sie übersteigen auch die Ebene der Sprache und Worte und der Intellektualität und der mathematischen Logik. Alles andere sind unwirkliche Doktrinen, die wie die des âtman ins Leiden und in Abhängigkeit führen.

Die Negationen im Herz-Sutra benennen m. E. falsche Doktrinen, einer unsichtbaren Eigen-Essenz, ohne wechsel-wirkendes Entstehen und damit ohne Leerheit. Mit ihnen verirren wir uns in eine imaginäre Scheinwelt, die unveränderlich und substanzhaft ist. Dann gibt es kein Entstehen und Vergehen (Kap. 7) und keine Entwicklung, Befreiung und Emanzipation des Menschen. Buddhas Befreiungs-Weg ist mit solchen Täuschungen obsolet. Die Negationen des Herz-Sûtra sind aber kein Nihilismus, der behauptet, dass es weder Augen, Ohren usw. in der Wirklichkeit gibt!

Mit der falschen Doktrin von unveränderlichen unsichtbaren Essenzen beim Menschen und der Welt gäbe es auch keine wirkliche unverstellte sinnliche Wahrnehmung (Kap. 3), keine Organe des Menschen, usw., sie wären reine Illusionen und falscher gefährlicher Zauber. Gleiches gilt für geistige Tätigkeiten, Wissen,  Ethik, Achtsamkeit, Meditation, Ziele des Erreichens, der Befreiung, Erleuchtung und die anderen Bereiche von Buddhas Lehre.

Wir besitzen heute verlässliche Forschungsergebnisse aus der Öko-Systemforschung und der Gehirnforschung, nämlich der Plastizität, Bahnungen, Vernetzung, des modularen Aufbaus und der permanenten synaptischen Aktivitäten des Lernens und Veränderns. Sie haben keinen materiellen oder informationellen Kern, sondern sind vernünftige Netze, die meist im Gleichgewicht funktionieren und von uns beeinflussbar sind. Sie sind im Einklang mit Buddhas und Nâgârjunas Leerheit. Ist das nicht erstaunlich!

Die Schluss-Aussage des Herz-Sutra "gegangen" bedeutet, dass die falschen Doktrinen, Vorstellungen und Konzepte verlassen wurden, und zwar in die vernetzten Wirklichkeit von Körper, Geist, Psyche und Handeln des Hier und Jetzt. Ein metaphysischer Glauben an ein jenseitiges Nirvana ohne Entstehen und Vergehen ist nach Nâgârjunâ auch nicht erforderlich und führt meist zu Illusionen und Verwirrungen.

Elisabeth Steinbrückner und ich arbeiten übrigens an einer modernen deutschen (hoffentlich verständlichen) und genauen Fassung von Nagarjunas MMK, die bisher leider fehlt.


Montag, 5. Dezember 2016

Eckpunkte des Zen-Buddhismus

(Von Gudo Wafu Nishijima Roshi)

Meister Dōgens großes Werk Shōbōgenzō, „Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges habe ich über vierzig Jahre eingehend studiert, und bin der festen Überzeugung, dass die von mir bearbeiteten Quellentexte auch für den Westen von unschätzbarem Wert sind. Ich unterstütze die deutsche Fassung des Shobogenzo und dessen Einführung: „ZEN-Schatzkammer“ ausdrücklich, weil damit das Verständnis der sicher nicht einfachen Aussagen des Shōbōgenzō im deutschsprachigen Raum für viele Leser wesentlich verbessert werden kann.

Manche meinen, der Buddhismus eigne sich als Religion nur für jene Menschen, die sich aus dem beruflichen Alltag und gesellschaftlichen Leben in die Nische eines Klosters zurückgezogen haben und versuchen, dort auf einer „Insel der Seligen“ ohne die Ungerechtigkeiten des normalen Alltags zu leben. Manche glauben auch, dass der Buddhismus ausgesprochen lebensfeindlich oder gar nihilistisch sei. Vor allem der Zen-Buddhismus sei, so eine verbreitete Ansicht, von lebensfeindlicher Askese und dem schmerzhaften Ringen um die große Erleuchtung (Satori, Kensho) geprägt, diese sei aber für einen „normalen“ Menschen ohnehin nicht erreichbar. Eine solche Sichtweise kann ich jedoch aus meiner praktischen Erfahrung und der in langem Studium gewachsenen Kenntnis heraus nur als völlig falsch bezeichnen – das Gegenteil ist richtig.

Wirklichkeit der Welt 
Wer sich aus der Wirklichkeit der Welt verabschiedet hat, gerät unweigerlich in einen meist ausweglosen Kreislauf von Illusionen, Leiden, Trugbildern, Ängsten und subjektiven Welten und kann von diesem Leiden nur dann befreit werden, wenn er zur Wirklichkeit des Lebens und der Welt und damit zur Wahrheit zurückfindet. Gautama Buddha hat dies erfahren und erkannt und uns die großartige Lehre des Buddha-Dharma geschenkt, die uns nicht zuletzt von Meister Dōgen authentisch übermittelt wurde.

Der Buddhismus lehrt nicht, dass das ganze Leben aus Leiden besteht, wie manchmal behauptet wird, sondern im Gegenteil: Er will uns praktisch gangbare Wege aufzeigen, wie wir das vorhandene oder zukünftige Leiden überwinden können. Dann können wir eindimensionale Weltanschauungen über Bord werfen, Ideologien und Verführungen schnell durchschauen und zu Gleichgewicht und Harmonie zurückfinden. Dies ist der mittlere Weg und der natürliche Zustand des Menschen. Mit Meister Dōgen bin ich der festen Überzeugung, dass die Meditations-Praxis des Zazen in Verbindung mit der authentischen buddhistischen Lehre genau der richtige Weg ist, den wir beschreiten sollten.

Meine eigene Lehre stützt sich neben Gautama Buddha selbst auf die genialen Meister Nagārjuna, Bodhidharma und vor allem auf Meister Dōgen. Ich habe bei meinen zahlreichen Vorträgen und Gesprächen in Asien, Europa und Amerika festgestellt, dass sich die Kernpunkte der Theorie und Praxis des wahren Buddhismus in der heutigen Zeit immer klarer herauskristallisieren und besser verstanden werden. Dies betrachte ich als große Hoffnung. Es wäre von großem Wert für die gesamte Menschheit, wenn der Buddhismus im Westen neue Kraft und Klarheit erlangen könnte, und ich würde mich sehr freuen, wenn mein Schüler, der Zenmeister Prof. Dr. Yudo J. Seggelke, und ich dazu einen substanziellen Beitrag leisten könnten.

Welches sind nun die maßgeblichen Kernbereiche des Buddha-Dharma?
Lassen Sie mich dabei zunächst kurz auf das Leben und die Erfahrungen von Meister Dōgen eingehen. Er wurde 1200 n. Chr. geboren und erlebte schon in früher Jugend schwere Schicksalsschläge, weil sein Vater und seine Mutter früh starben und er auf diese Weise bitter erfahren musste, dass das Leben endlich ist. Dies mag der Grund dafür sein, dass er schon in jungen Jahren nach dem Sinn und der Wahrheit des Lebens und der menschlichen Wiklichkeit suchte. Er trat mit zwölf Jahren in ein buddhistisches Kloster ein und hatte sich nicht zuletzt wegen seiner überragenden Intelligenz und Beharrlichkeit schon bald die verschiedenen buddhistischen Lehren im damaligen Japan erarbeitet und sie durchdrungen.

Der junge Dōgen war nicht nur außergewöhnlich begabt, sondern auch überaus ehrlich sich selbst gegenüber, so dass ihn der damals in Japan gelehrte sehr theoretische und spekulative Buddhismus trotz besten Willens und großer Anstrengung nicht überzeugte. Er entschied sich daher, nach China in das Ursprungsland des Zen-Buddhismus zu gehen. Auch dort erlebte er zunächst Enttäuschungen, bis er schließlich und fast am Ende der Reise seinem Meister Tendō Nyojō begegnete, der neben der fundierten Lehre des Buddhismus vor allem die Praxis des Zazen und das Handeln im Alltag in den Mittelpunkt des buddhistischen Lebens stellte. Dieser hatte selbst viele Jahre lang einen wahren Meister gesucht, aber nicht gefunden. Solche großen Meister gab es zu jener Zeit nur noch wenige in China.

Zazen ist keine geistige Meditation,
bei der die Konzentration auf ein Meditationsobjekt, zum Beispiel auf ein Thema oder ein Bild, auf den Atem, auf das Zählen oder auch auf die paradoxe Frage eines Kōans gerichtet ist. Zazen ist genau das Gegenteil, nämlich praktisches Handeln ohne diskursives Denken in Form des Sitzens in der richtigen Zazen-Haltung. Zazen ist gegenstanslode Meditation: Einfach Sitzen. Dabei stellt sich beim Menschen ein bestimmtes Gleichgewicht ein, und alle Gedanken, Gefühle und die normale Wahrnehmung verschwinden früher oder später. Dadurch befreit sich unser Geist von Grund auf. Nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen handelt es sich dabei vor allem um das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems, wenn die Aktivität und Spannung des einen Teilsystems – Sympathikus – und die Passivität und Wahrnehmung des anderen – Parasympathikus – im Gleichgewicht sind.

Das japanische Wort „Shōbōgenzō“ bedeutet: der wesentliche Kern oder die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges, also des Buddhismus. Dieser kostbare Schatz der Lehre ist aus der Sicht von Meister Dōgen zusammen mit der Praxis des Zazen die umfassende Lehre des Gautama Buddha. Er beschreibt sie in seinen Lehrreden (Sūtras) sehr genau und hat sie, wie wir wissen und erfahren, an seine Schüler und an uns weitergegeben.

Eckpunkte der Zazen-Praxis
Was sind nun die Kennzeichen der Zazen-Praxis, die Meister Dōgen sehr umfassend lehrt?
Er führt folgende vier wesentliche Bereiche auf:

(1) Das Überschreiten des üblichen unterscheidenden Denkens mit dem Verstand durch die besondere Art des „Nicht-Denkens“;

(2) Das regelmäßige Sitzen im Zazen in der richtigen Körperhaltung, die von Dōgen exakt beschrieben wird. Dieses Sitzen ist praktisches Tun, umfasst damit den ganzen Menschen und beschreibt wie im Yoga die körperliche Dimension als Grundlage des Handelns und des Geistes.

(3) Dōgen beschreibt das wirkliche Handeln und Erleben bei der Zazen-Praxis mit den Worten „das Fallenlassen von Körper und (denkendem) Geist“ und meint damit, dass wir uns von den einengenden Fesseln des Körpers und des gewöhnlichen Verstandes, die uns in unserem Leben so häufig einengen und quälen, befreien. Ich interpretiere diese von Dōgen formulierte Tatsache als das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems, das durch die Zazen-Praxis erreicht wird.

(4) Die Praxis des Zazen wird durch das japanische Wort Shikantaza beschrieben, das übersetzt etwa heißt „nichts anderes tun als sitzen“. Damit will Dōgen vor allem klar machen, dass wir uns bei der Zazen-Praxis nicht auf ein vorgestelltes Objekt, also ein Thema, Ziel oder Kōan, konzentrieren sollen, sondern dass das richtige Sitzen selbst die wesentliche Übungspraxis ist. Durch das Sitzen werden Gleichgewicht und Harmonie ermöglicht, von denen wir heute wissen, dass sie die Balance des vegetativen Nervensystems ausmachen. Dieses Zazen-Praxis bezeichne ich, wenn sie sich verwirklicht, als die erste Erleuchtung. Sie kann aber nicht auftreten, wenn sich intellektuelle oder andere unruhige Gedanken im Gehirn festsetzen, wenn Gefühle vorherrschen, wenn verzerrte Wahrnehmung dominiert oder man gierig nach irgendetwas verlangt, zum Beispiel auch nach der großen eigenen Erleuchtung. 

Besonders schädlich ist die Gier nach Ruhm, Ansehen, eigener Wichtigkeit, Macht oder Profit und der damit verbundene Stolz. Daher ist es so wesentlich, durch Shikantaza nicht unbedingt irgendein „großartiges“ Ergebnis wie die Erleuchtung erlangen zu wollen und sich nicht auf irgendetwas Spezielles zu konzentrieren. Vielmehr kommt es darauf an, die richtige körperliche Haltung einzunehmen und das Sitzen als Handeln zu verwirklichen. Nur dann wird sich die erste Erleuchtung bei der Zazen-Praxis wie von selbst ereignen.

Gautama Buddha hatte im damaligen Indien zunächst versucht, durch die bekannten Formen der Meditation und geistigen Konzentration sowie durch extreme Übungen der Askese die Befreiung und das Erwachen zu erlangen und war dabei gescheitert. Die damals Indien gelehrte Philosophie des Idealismus, bei dem Gedanken, Ideen, Vorstellungen und Ideale vorherrschend waren, hatte nicht zum ersehnten Erwachen geführt. Aber auch die materielle Lebensphilosophie, die behauptet, allein die Wahrnehmung, Beobachtung und der sinnliche Genuss seien wirklich, hatte sich für ihn als Sackgasse erwiesen. Dasselbe gab die harten Übungen der Askese als wertlos auf. Auch Skeptizismus und Nihilismus, die es schon damals als Denkrichtungen gab, führten nicht zum Erwachen.

Was erkannte Gautama Buddha?
Schließlich erkannte Gautama Buddha beim Zazen und dem Aufleuchten des Morgensterns, wie Meister Dōgen es ausdrückt: „Die ganze Erde und alle Lebewesen verwirklichen zusammen die Wahrheit.“ Ihm wurde plötzlich klar, dass er über das gewöhnliche unterscheidende Denken und die übliche Wahrnehmung hinausgehen musste, um die Wahrheit und Wirklichkeit der Welt direkt zu erfahren und zu erleben. Dazu benutzte er die Praxis des Zazen in der seit langem bekannten Yogahaltung des halben oder ganzen Lotossitzes.

Durch den einfachen Akt des Sitzens im Augenblick und im Hier und Jetzt verlassen wir das oft quälende dualistische Bewusstsein von Körper und Geist und erfahren unser Leben im Einklang und in der Harmonie mit dem Universum ganzheitlich und unmittelbar intuitiv. In der wirklichen Erfahrung des Zazen können wir den Buddha-Dharma vollkommen verwirklichen, wenn wir, wie ich immer wieder betone, zweimal täglich diese Übung praktizieren.

Um das Shōbōgenzō von Meister Dōgen wirklich zu „verstehen“ und sich nicht an scheinbaren Widersprüchen und Paradoxien aufzureiben, gibt es einen Schlüssel, der den großen Wert dieses Werkes besser erschließt, den ich im Laufe meines langen Lebens entwickelt und immer mehr verfeinert habe. Es handelt sich dabei um die, wie ich glaube, umfassende Lehre der sogenannten vier Sichtweisen oder Lebensphilosophien, die Meister Dōgen in dem Kapitel „Das verwirklichte Leben und Universum“ (Genjō-kōan) beschreibt.

Die volle Wirklichkeit des Lebens
und der Welt sind danach weder durch den Verstand noch durch die Wahrnehmung allein ganz zu erfassen, sondern beide ermöglichen nur Teilsichten und Teilwahrheiten, die durch ihre Einseitigkeit als umfassende Philosophien letztlich für das praktische Leben ungeeignet sind und daher zwangsläufig zu verschiedenen Formen des Leidens führen müssen.

Die beiden ersten Lebensphilosophien sind die im Westen vorherrschenden Lehren des Idealismus und Materialismus, des Denkens und der Materie. Gautama Buddha und Meister Dōgen zufolge muss als dritter Bereich das Handeln und Erfahren im gegenwärtigen Augenblick, also im Hier und Jetzt, hinzukommen. Dann können wir die enge Perspektive des Subjekts überschreiten und uns dadurch wesentlich befreien. Bei der Zazen-Praxis und im Alltag eröffnet sich durch das direkte Handeln im Hier und Jetzt eine neue Wirklichkeit, die zum Kern der buddhistischen Lehre gehört.

Die vierte umfassende Lebensphilosophie
des Buddhismus ist das Erwachen oder die Erleuchtung, also die Befreiung. Sie enthält integrierend auch die drei ersten genannten Teilbereiche. Das Erwachen geht aber über diese Bereiche hinaus und bildet den „Schlussstein“ des buddhistischen Lehrgebäudes und der Praxis. Wenn die umfassende buddhistische Lehre im Einklang mit der Zazen-Praxis und dem täglichen Handeln steht, nenne ich das die zweite Erleuchtung.

Meister Dōgen drückt dies im Kapitel Genjō-kōan wie folgt aus:
„Selbst wenn dies alles so ist, fallen die Blüten, während sie geliebt werden, und wuchert das Unkraut, während es ungeliebt ist.“

Damit will er sagen, dass wir über unsere kleinen Wünsche, Hoffnungen, Ängste und Erwartungen, an die wir uns klammern, hinausgehen müssen. Wir müssen sie als solche erkennen und ihnen die einengende Kraft nehmen, um zur Wahrheit des Buddha-Dharma und des Lebens zu gelangen. Denn diese wirkliche Welt ist so, wie sie ist: rein, ohne Bedauern, kraftvoll und voller Dynamik. Warum sollten wir ihr entfliehen? Ich bin der festen Überzeugung, dass wir mit den vier Lebensphilosophien den Schlüssel für die Lehren des Gautama Buddha und Meister Dōgens in der Hand halten und das großartige Werk Shōbōgenzō damit erschließen können.
Das Gesetz von Ursache und Wirkung hat im Buddhismus einen zentralen Stellenwert für uns selbst und für andere, und auch Meister Dōgen bekennt sich zu dieser Wahrheit. 

In dem Shōbōgenzō-Kapitel: „Tiefes Vertrauen in das Gesetz von Ursache und Wirkung“ kommt dies in aller Klarheit zum Ausdruck. Es legt den Schwerpunkt auf die Verantwortung für des eigene Handeln. Es betrifft zunächst die Lebensphilosophie des Materiellen und der Naturwissenschaft, die im Buddha-Dharma als Teilwirklichkeit geschätzt und anerkannt wird. Auch Meister Dōgen beschreibt in verschiedenen Kapiteln die physische Welt und, wie wir heute sagen würden, die Gesetze der Naturwissenschaft. Der große Wissenszuwachs der modernen Zeit ist ja nicht zuletzt in diesem Bereich entstanden und steht keinesfalls im Gegensatz zur buddhistischen Lehre. Besonders deutlich wird dies in den Kapiteln des Shōbōgenzō „Das verwirklichte Leben und Universum“, „Das ganze Universum ist eine leuchtende Perle“ und „Die Stimmen des Tales und die Form der Berge“.

Ethik und Moral 
Das Gesetz von Ursache und Wirkung gilt im Buddha-Dharma jedoch auch und nicht zuletzt für die Ethik und Moral des menschlichen Lebens. Es besagt, dass moralisch schlechte Taten unweigerlich auf den Urheber zurückschlagen, und zwar nach meiner festen Überzeugung noch in diesem Leben. Umgekehrt gilt dies auch für ethisch gutes Handeln, denn uns selbst kommt der „Nutzen“ daraus zugute, und wir entkommen dem Leiden.

Das Gesetz von Ursache und Wirkung erklärt die Zusammenhänge im Zeitablauf oder, wie wir sagen, mit dem Verständnis der linearen Zeit. Dies wird auch von Meister Dōgen im Shōbōgenzō beschrieben. Aus dem Gesetz von Ursache und Wirkung gibt es kein Entrinnen.
Wesentliche Erfahrungen und das wahre Erleben im Hier und Jetzt finden genau im gegenwärtigen Augenblick statt. 

Der gegenwärtigen Augenblick
Dieses hat im Buddha-Dharma eine sehr große Bedeutung, weil wir im gegenwärtigen Augenblick die Wirklichkeit und die Wahrheit selbst erleben und erfahren. Auch das Handeln findet im gegenwärtigen Augenblick statt, so dass die Augenblicklichkeit des Lebens und des Universums in der Lehre und in der Praxis des Buddhismus im Mittelpunkt stehen. Das Handeln im Augenblick bei der Zazen-Praxis ist mit der ersten Erleuchtung identisch und bedeutet, dass wir den Bodhi-Geist erwecken. Dōgen sagt hierzu:

Wer auf des Tathagatas (Buddhas) Schatzkammer des wahren Dharma-Auges und den wunderbaren Geist des Nirvana vertraut, glaubt auch an den Grundsatz der Augenblicklichkeit des Erscheinens und Vergehens aller Dinge.“

Eine solche intuitive Weisheit und Klarsicht übersteigt bei weitem das übliche verstandesmäßige Denken und intellektueller Ideen, seien sie auch noch so anspruchsvoll, komplex und scharfsinnig. Diese intuitive Weisheit und die volle Gegenwart und Freiheit des Handelns werden im Buddhismus gelehrt und praktiziert. Dann können wir sagen, dass es uns wie „Schuppen von den Augen fällt“ und wir im Einklang mit der Welt und dem Universum handeln und leben. Wir können uns dann selbst erkennen, wie wir wirklich sind und werden. Dann handeln wir ohne Zögern und Hemmnisse unmittelbar, ethisch richtig und entschieden, so wie es die Situation gerade erfordert.

Wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe, ist die westliche europäische Philosophie am Endpunkt der alten Kontroverse von Idealismus und Materialismus angelangt und sucht nach neuen Wegen, die nach meinem Verständnis von den großen Meistern des Buddhismus bereits gegangen worden sind. Beispielhaft möchte ich hier das Werk des deutschen Philosophen Martin Heideggers: „Sein und Zeit“ nennen. Das Handeln im gegenwärtigen Augenblick ist dem gegenüber Wahrheit und Wirklichkeit zugleich, es vollzieht sich hier und jetzt. Es ereignet sich in der Einheit von Subjekt und Objekt sowie von Körper und Geist. Dadurch werden wir frei und haben ein erfülltes und freudiges Leben. Dies ist die Überwindung des Leidens.


Es ist sicher unbestritten, dass Ethik und Moral im Buddhismus von fundamentaler Bedeutung sind und dass vor allem die Übereinstimmung von Reden, Denken und Handeln gelehrt und erlernt wird. Hierbei ist die Praxis des Zazen genauso wichtig wie das alltägliche Handeln im Alltag auf dem Buddha-Weg. Aber auch die buddhistische Lehre, die z. B. im Shôbôgenzô von Meister Dôgen formuliert wurde, ist unverzichtbar. 

Zazen ist die reinste Form des Handelns, und indem wir physisch im halben oder ganzen Lotossitz mit aufrechter Wirbelsäule sitzen, kommt das vegetative Nervensystem automatisch ins Gleichgewicht und zur Ruhe. Dieses geistige und körperliche Gleichgewicht gibt uns Kraft und Gelassenheit, es macht uns handlungsfähig und gesund. Es übersteigt das verstandesmäßige Denken oder die irritierenden Gefühle sowie die Genusssucht. Dieses Gleichgewicht ermöglicht intuitive Klarheit, Weisheit und Entscheidungskraft. Der Buddhismus ist die Verbindung von Lehre und Praxis, und er umfasst das ganze menschliche Leben und Universum.

Sonntag, 1. Mai 2016

Lotos-Sutra, ausgewählte Zitate in Dogens Shobogenzo

Meister Dôgen hat die folgenden authentischen Zitate in seinem Kapitel zum Lotos-Sûtra besonders hervorgehoben. Nishijima Roshi erklärte mir 2007 im persönlichen Gespräch, dass Dôgens Verständnis des Lotos-Sûtra von demjenigen des üblichen Volksbuddhismus in Ostasien abweicht. Dôgen war mit diesem Sûtra besonders vertraut, weil er bereits als Zwölfjähriger in Japan in ein Kloster der Tendai-Übertragungslinie, die sich auf das Lotos-Sûtra stützt, eingetreten war.

Er wurde dort allerdings nicht an die für ihn existenziellen Lebensfragen, Probleme und vor allem Antworten herangeführt, sodass der Aufenthalt in dem Kloster zwar ein guter Anfang war, ihn aber letztlich nicht befriedigen konnte. Dies war sicher ein wesentlicher Grund dafür, dass er die Reise nach China auf sich nahm, um im Chan-Buddhismus Klarheit zu gewinnen, auf die sein wacher und zutiefst ehrlicher Geist so sehr hoffte. Nach einigen Enttäuschungen fand er sie schließlich mithilfe seines Lehrers Tendô Nyojô, den er außerordentlich schätzte und Zeit seines Lebens hoch verehrte.

Das Lotos-Sûtra entstand in Indien etwa ab dem ersten Jahrhundert vor Christus und wurde von Meister Kumarajiva im Jahr 406 nach Christus aus dem Sanskrit ins Chinesische übersetzt. Diese Fassung war und ist in Japan und China weit verbreitet und wurde von Iwanami Bunko veröffentlicht.

Nach einer ersten Übersetzung ins Englische durch Bunno Kato und William Soothill im Jahr 1930 wurde 1975 eine verbesserte Fassung von Weatherhill und Kosei herausgegeben. Dieser Fassung folgen die hier verwendete englische Übersetzung von Nishijima und Cross und somit meine deutschen Texte.

Kapitel 1: Einführung
So habe ich gehört: Zu einer Zeit lebte Buddha in Rajagriha. Auf dem Berg Gridhrakûta weilte er mit 12.000 großen bhikshus (Mönchen). Sie waren alle arhats (Erleuchtete Hörer), die alle Extreme und Übertreibungen beendet hatten, ohne Schwierigkeiten waren, im Gleichgewicht waren, die Grenzen der Existenz verwirklichten und im Geist befreit waren.

Zu jener Zeit sprach Manjushrî zu dem Bodhidsattva-Mahâsattva Maitreya und allen anderen großartigen Wesen: „Gute Söhne! Im Einklang mit meiner Überzeugung wird jetzt der Buddha, der Weltgeehrte, den großen Dharma lehren.

Er erklärte den wahren Dharma, der gut am Anfang, gut in der Mitte und gut am Ende ist.
Bevor die letzten jener (Sonne, Mond, Licht) Buddhas ihr Heim verließen, hatte er acht königliche Söhne. Diese acht Prinzen, unbehindert in ihrer Majestät, regierten jeweils vier Kontinente. Diese Prinzen entsagten alle dem Thron, als sie hörten, dass ihr Vater das Heim verlassen und (die Wahrheit von) anuttara-samyak-sambodhi erlangt hatte. Sie folgten ihm, verließen ebenfalls ihr Zuhause und errichteten den Geist des Großen Fahrzeugs. Sie praktizierten fortwährend reines Handeln und wurden alle Lehrer des Dharma. Unter Tausenden von unzähligen Buddhas hatten sie viele Wurzeln des Guten gepflanzt.

Die Zuhörer in jenem Orden blieben an einem Ort sechzig kleinere Zeitalter lang sitzen und bewegten nicht Körper und Geist.
Daher nehme ich an, dass der Tathâgata heute das Sûtra des Großen Fahrzeugs lehren wird, das die Lotosblume des Wundervollen Dharma genannt wird, die Methode, die Bodhisattvas zu lehren, die Buddhas bewahren und erinnern.

Dieses Licht erleuchtete das östliche Viertel von achtzehntausend Buddha-Ländern.
Als der Buddha (Sonne, Mond, Licht) die Blume des Dharma gelehrt hatte und bewirkte, dass die Versammlung sich freute, dann, an jenem besonderen Tag, erklärte er der Versammlung von Göttern und Menschen:

„Die Wahrheit, dass alle Dharmas wirkliche Form sind, wurde für euch alle gelehrt.“

Dieser Lehrer des Dharma, mystisches Licht, hatte zu jener Zeit einen Schüler, dessen Geist immer nachlässig war, der gierig an Ruhm und Vorteil hing, der voller Unruhe Ruhm und Vorteil suchte, der oft Unterhaltung fand in den Palästen der aristokratischen Familien, der verlassen hatte, was er auswendig gelernt hatte, alles vergessend, bevor er es klar verstanden hatte, und der aus diesem Grund „Der Ruhmsüchtige“ genannt wurde.

Auch er war in der Lage – durch die Praxis guter Taten –, zahllosen Buddhas zu begegnen, ihnen Gaben zu überreichen, ihnen zu folgen, indem er die große Wahrheit praktizierte, und die sechs Paramitâs (Tugenden) zu vollenden.
Jetzt hat er Shâkyamuni gesehen. Danach wird er Buddha werden. Und er wird Maitreya genannt werden.

Jetzt sandte der Buddha ein Leuchten aus, um zu helfen, die Bedeutung der wirklichen Form zu enthüllen. Menschen, jetzt müsst ihr aufmerksam und klar sein! Haltet die Handflächen zusammen und wartet mit ganzem Herzen!

Kapitel 2: Wirkungsvolle buddhistische Methoden und Mittel
Zu jener Zeit erhob sich der Weltgeehrte ruhig und klar aus dem Samâdhi und wandte sich an Shariputra: „Die Weisheit der Buddhas ist tiefgründig und unergründlich. Ihre Übertragungslinie der Weisheit ist schwer zu verstehen, und der Zugang ist schwierig. Alle Shrâvakas und Pratyekabuddhas können sie nicht begreifen Warum? (Weil) ein Buddha vertraut ist mit zahllosen Hunderttausenden unendlichen Ansammlungen (kotis) von Buddhas und die unergründliche Wahrheit und Wirklichkeit der Buddhas vollständig praktiziert hat.

Tapfer und ausdauernd sorgt er dafür, dass Buddhas Namen umfassend gehört werden, vollendet er den tiefgründigen beispiellosen Dharma und lehrt, wie es die Situation erlaubt, die Bedeutung, die schwer zu verstehen ist.
Der Tathâgata ist vollkommen ausgerüstet mit Zweckmäßigkeit und dem Paramitâ der Weisheit. Shariputra! Die Weisheit des Tathâgata ist weit, groß, tiefgründig und ewig.

Buddhas allein, zusammen mit Buddhas, können klar und vollkommen erkennen, dass alle Dharmas wirkliche Formen sind. Was „alle Dharmas“ genannt wird, ist Form wie sie ist, die Natur wie sie ist, der Körper wie er ist, die Energie wie sie ist, das Handeln wie es ist, die Ursachen wie sie sind, die Bedingungen wie sie sind, die Wirkungen wie sie sind, die Ergebnisse wie sie sind und der höchste Zustand der Gleichgewicht von Substanz und Einzelheit wie er ist.
Ich und die Buddhas in den zehn Richtungen sind unmittelbar in der Lage, diese Dinge zu wissen.

Selbst wenn die Welt voll von Wesen wie Shariputra wäre, würde all ihr Intellekt nicht ausreichen, um Buddhas Weisheit zu ermessen.
So (reichlich vorhanden wie) Reis, Hanf, Bambus und Schilf.
Nur ich kenne die konkrete Form, und die Buddhas der zehn Richtungen sind genauso.

Zu der Zeit gab es in der großen Versammlung Shrâvakas, den Arhat Ajnâta-Kaundinja, der alle Extreme beendet hatte, und andere (zusammen) 1.200 Menschen.
Kinder geboren aus dem Mund Buddhas, Handflächen zusammengelegt, aufschauend, wir warten. Bitte stoße den feinen Ton aus und lehre für uns (die Wahrheit) wie sie wirklich ist.

Halt, halt, keine Notwendigkeit, es zu erklären. Mein Dharma ist zu außergewöhnlich, um darüber nachzudenken. Arrogante Menschen werden es nicht mit Respekt glauben, wenn sie davon hören.

Als er diese Worte in der Versammlung predigte, erhoben sich 5.000 Mönche, Nonnen und Laien von ihren Sitzen, verbeugten sich zum Buddha hin und zogen sich zurück.
Die Wurzeln des falschen Tuns dieser Gesellen waren tief und schwer. (Aber Buddha ließ es geschehen und hielt sie nicht zurück!)

Daraufhin wandte sich Buddha an Shariputra:
„Nun bin ich in dieser Versammlung frei von Ästen und Zweigen, und nur die Wahren und Wirklichen bleiben. Shariputra! Es ist fein, dass solche arroganten Menschen wie diese sich zurückziehen. Nun hört gut zu und ich werde für euch predigen.“

Shariputra sagte: „Bitte tue das, Weltgeehrter. Ich möchte unbedingt voller Freude hören.“ Der Buddha wandte sich an Shariputra: „Die Buddha-Tathâgatas predigen nur von Zeit zu Zeit den wundervollen Dharma, genau wie die Udumbara-Blume nur einmal in einem Zeitalter erscheint.“

Der Dharma kann nicht durch Denken und Unterscheiden verstanden werden. Nur Buddhas sind direkt in der Lage, ihn zu kennen. Warum? Die Buddhas, die Weltgeehrten, erscheinen in der Welt nur aufgrund der einen großen Aufgabe. Shariputra, warum sage ich, dass die Buddhas, die Weltgeehrten, in der Welt nur aufgrund der einen großen Aufgabe erscheinen? Die Buddhas, die Weltgeehrten, erscheinen in der Welt, weil sie ein großes Verlangen haben zu bewirken, dass die Lebewesen die Weisheit Buddhas enthüllen, die sie in die Lage versetzt, rein zu werden.

Sie erscheinen in der Welt, weil sie das Verlangen haben, den Lebewesen die Weisheit Buddhas zu zeigen. Sie erscheinen in der Welt, weil sie das Verlangen haben zu bewirken, dass die Lebewesen die Weisheit Buddhas verwirklichen. Sie erscheinen in der Welt, weil sie das Verlangen haben, die Lebewesen dazu zu bringen, dass sie in den Zustand der Wahrheit eintreten, der die Weisheit Buddhas ist. Shariputra, deshalb erscheinen die Buddhas in der Welt, nur aufgrund der einen großen Aufgabe.
Shariputra, der Tathâgata predigt nur mit den Mitteln des einen Buddha-Fahrzeugs den Dharma für die Lebewesen. Es gibt kein anderes Fahrzeug, weder ein zweites noch ein drittes. Shariputra, der Dharma aller Buddhas der Zehn Richtungen ist auch genau wie dieses.

Shariputra: „Wenn irgendwelche meiner Schüler, die sich selbst Arhats oder Pratyekabuddhas nennen, weder die Tatsache hören noch verstehen, dass die Buddha-Tathâgatas nur Bodhisattvas lehren, dann sind sie nicht Buddhas Schüler, weder Arhats noch Pratyekabuddhas.

Noch einmal, Shariputra: Wenn diese Mönche und Nonnen sich selbst denken: „Ich habe schon den Zustand eines Arhat erlangt, dies ist mein letztes Leben, höchstes Nirvâna“, und dann nicht länger (die Wahrheit vom) anuttara-samyak-sambodhi erstreben möchten, solltest du wissen, dass diese Menschen von hochmütiger Arroganz sind. Warum? (Weil) es nicht so etwas wie einen Mönch gibt, der den Zustand eines Arhat erlangt, ohne diese Lehre zu glauben.

Dieser mein Dharma von neun Kapiteln, der gelehrt wird, wie es sich für Menschen geziemt, ist die Grundlage für den Eintritt in das Große Fahrzeug. Darum lehre ich dieses Sûtra.

In den Buddhaländern der zehn Richtungen gibt es nur den Dharma eines Fahrzeugs. Es gibt weder ein zweites noch ein drittes.
Ich, dessen Körper mit Zeichen geschmückt ist und mit strahlendem Licht, das die Welt beleuchtet, bin geehrt durch zahllose Mengen, für die ich das Siegel der wahren Form lehre.

Wenn Menschen achtungsvoll den Stûpas und Schreinen, den Juwelenbildern und gemalten Bildern mit Blumen, Räucherstäbchen, Flaggen und Baldachinen Gaben spenden, (oder) wenn sie andere dazu bringen, Musik zu machen, Trommeln zu schlagen, Hörner und Muscheln zu blasen, Panflöten, Flöten, Lauten, Lyras, Harfen, Gongs und Zimbeln (zu spielen) und viele feine Töne wie diese (hervorzubringen), dann dienen sie dauernd als Gaben, oder (wenn) sie mit Herzen voller Freude den Lobpreis von Buddhas Tugend dann haben sie alle Buddhas singen, selbst mit einem leisen Ton, Wahrheit verwirklicht. Wenn die Menschen, deren Geist abgeirrt ist, mit nur einer einzigen Blume einem gemalten (Buddha-)Bild Gaben spenden, werden sie nach und nach zahllose Buddhas sehen.

Noch einmal, Menschen, die Niederwerfungen machen oder einfach die Hände zusammenlegen oder auch nur eine Hand ein wenig anheben oder den Kopf ein wenig senken und auf diese Weise einem Bild Gaben spenden, werden allmählich zahllose Buddhas sehen, werden auf natürliche Weise die höchste Wahrheit verwirklichen und werden in weitem Umkreis zahllose Mengen retten.
Der Dharma weilt an seinem Ort im Dharma, und die Form der Welt verweilt dauerhaft. Weil sie dies an einem Ort der Wahrheit erkannt haben, lehren führende Lehrer es durch geeignete Mittel.
Zur Zeit dieser Überlegung werden die Buddhas der zehn Richtungen alle erscheinen.

In derselben Weise wie die Buddhas der drei Zeiten den Dharma lehren, so werde auch ich den Dharma lehren, der ohne Unterscheidung ist. Das Erscheinen der Buddhas in der Welt ist (für viele) weit entfernt, und es ist schwierig, ihm zu begegnen. Selbst wenn sie in der Welt erscheinen, ist es deshalb schwer, dass der Dharma gelehrt wird.

Kapitel 3: Die Parabel des brennenden Hauses
Zu dieser Zeit erhob sich Shariputra vor Freude springend sofort und legte seine Handflächen zusammen.

In der Vergangenheit hörte ich einen solchen Dharma von dem Buddha und sah, wie die Bodhisattvas die Bestätigung empfingen und Buddhas wurden.
In meinem Geist waren große Unruhe und großer Zweifel: War es nicht ein Dämon, der wie ein Buddha handelt und meinen Geist betrübt und verwirrt?
Das Land (des Blumenlichts Tathâgata) ist eben und gleichmäßig, rein und strahlend, ruhig und reich.

Obgleich ich sicher durch das brennende Tor weggehen kann, sind die Kinder in dem brennenden Haus ganz in ihr Spiel versunken. Sie bemerken und kennen (die Gefahr) nicht, und sie sind weder alarmiert, noch ängstlich (weil sie die Realität nicht sehen können).

Dieses Haus hat nur ein Tor, das außerdem schmal und klein ist. Die Kinder sind jung und besitzen noch nicht das Wissen. Sie lieben den Ort, an dem sie spielen. Sie könnten in das Feuer fallen und verbrannt werden. Ich muss ihnen diese gefährliche Situation erklären.

Viele Arten von Ziegenkutschen, Hirschkutschen und Ochsenkutschen sind jetzt außerhalb des Tores, um mit ihnen zu spielen. Kommt schnell heraus aus dem brennenden Haus, und ich werde euch alles geben, was ihr möchtet.

Dann sieht der wohlhabende Mann, dass seine Kinder sicher herausgelangten und alle auf dem offenen Grund an der Kreuzung sitzen und nichts sie behindert. Sein Geist ist leicht, und er hüpft vor Freude. Dann sagen alle seine Kinder zum Vater: „Vater, gib uns jetzt jene wunderbaren Spielsachen, die du uns vorhin versprochen hast: die Ziegenkutschen, Hirschkutschen und Ochsenkutschen.“ Shariputra! Nun gibt der wohlhabende Mann jedem seiner Kinder eine großartige Kutsche. Die Kutsche ist hoch und geräumig, mit allen Arten von Schätzen geschmückt und bespannt mit weißen Ochsen.

Gelangt schnell aus der dreifachen Welt heraus und ihr werdet die drei Fahrzeuge erlangen: die Fahrzeuge von Shrâvaka, Pratyekabuddha und Buddha. Ich gebe euch jetzt meine Garantie dafür, und am Ende wird es nicht falsch sein. Ihr müsst nur sorgfältig und ausdauernd sein.
Daraufhin fängt das Haus plötzlich Feuer. Sofort brennt es in den vier Richtungen lichterloh.

Alle Lebewesen sind meine Kinder. (Aber) tief gefangen in weltlichen Genüssen sind sie ohne Weisheit. Der Tathâgata, schon frei von dem brennenden Haus der dreifachen Welt, lebt ruhig in Zurückgezogenheit und weilt friedvoll in Wäldern und Feldern. Jetzt ist die dreifache Welt ganz mein Besitz, und die Lebewesen in ihr sind alle meine Kinder.
(Wir) fahren in dieser prächtigen Kutsche und kommen direkt am Ort der Wahrheit an.

Kapitel 4: Vertrauen und Verstehen
Und dann erhoben sie sich von ihren Sitzen, ordneten ihre Kleidung und entblößten nur ihre rechten Schultern.
Ohne Erwartung sind wir jetzt plötzlich in der Lage, den selten anzutreffenden Dharma zu hören. Wir gratulieren uns von ganzem Herzen, dass wir eine große Wohltat empfangen haben, sie für uns selbst erhalten zu haben, ohne sie gesucht zu haben. Ein unermesslicher Schatz.

Der Dharma ist wie ein Mensch, der in seiner Jugend seinen Vater verlässt und wegrennt.
Dies ist mein von mir gezeugter Sohn. (Weil) er mich in einer bestimmten Stadt verließ und fortging, ist er herumgewandert und erduldete über 50 Jahre lang ein hartes Schicksal.

Jetzt sind wir wahrlich die Hörer der Stimme. Wir veranlassen alle, die Stimme von Buddhas Wahrheit zu hören. Wir sind jetzt wahrhaftig Arhats (Hörer Buddhas).

Kapitel 5: Die Parabel der Heilpflanze
Der Dharmakönig, der die „Existenz“ bricht, erscheint in der Welt und entsprechend der Wünsche der Lebwesen lehrt er den Dharma auf vielfältige Weise. Wenn die Weisen ihn hören, sind sie in der Lage, sofort zu vertrauen und zu verstehen. Die Törichten zweifeln und grämen sich und verlieren ihn auf diese Weise für immer.

Pflanzen, Büsche, Heilkräuter, große und kleine Bäume, verschiedenartiges Getreide und Sämlinge, Zuckerrohr und Weinranken werden ausreichend vom Regen benetzt,. Trockener Grund wird ganz durchtränkt, Heilkräuter und Blumen gedeihen zusammen.
Eure Handlungen sind der Bodhisattva-Weg selbst. Durch schrittweise Praxis und Lernen werdet ihr alle Buddhas werden.

Kapitel 6: Bestätigung, ein Buddha zu werden
Dieser mein Schüler Mahâkâshyapa wird in zukünftigen Zeitaltern in der Lage sein, dreihundert Milliarden hunderte von Millionen weltgeehrter Buddhas  zu dienen, ihnen Gaben darzubringen, sie zu schätzen, zu ehren und zu preisen und den grenzenlosen Dharma der Buddhas weithin zu verkünden

Meine Schüler, 500 an der Zahl, vollkommen ausgerüstet mit würdevollen Tugenden, werden alle die Bestätigung (und Dharma-Übertragung) empfangen. Und in einem zukünftigen Zeitalter werden alle in der Lage sein, Buddha zu werden.

Kapitel 8: Die Bestätigung der fünfhundert Schüler
Mönche! Purna war in der Lage, unter den sieben Buddhas der herausragende Dharma-Redner zu werden. Nun wurde er auch der beste Dharma-Redner in meinem Orden. Er wird unter zukünftigen Buddhas in diesem kraftvollen Kalpa wieder der Beste unter den Dharma-Rednern sein und wird den Buddha-Dharma schützen, erhalten, unterstützen und lehren.

500 Mönche werden Buddha werden, jeder von ihnen. Mit demselben Namen, „Universales Licht“, werden sie einem nach dem anderen die Bestätigung geben.

Weltgeehrter! Es ist so, als ob jemand zum Haus eines engen Freundes geht, betrunken wird und sich niederlegt. Inzwischen befestigt der Freund eine Perle von grenzenlosem Wert in der Kleidung des Menschen als ein Geschenk und geht fort, weil er seine Geschäfte wahrnehmen muss.

Es ist so, wie wenn ein armer Mensch zum Haus eines engen Freundes geht, dessen Familie sehr wohlhabend ist. (Der Freund) tischt viele feine Gerichte auf und befestigt eine Perle von grenzenlosem Wert innen in der Kleidung (des Armen).
Nun, da wir von Buddha von der wundervollen Tatsache der Bestätigung und der folgenden Annahme der Bestätigung hören, sind Körper und Geist voll von Freude.

Kapitel 14: Friedvolle und freudige Praxis
Ein Bodhisattva-Mahâsattva sollte nicht in die Nähe von Königen, Prinzen, Ministern und hohen Beamten gelangen.
(Der Bodhisattva) wendete Öl für seinen Körper an, nachdem er den Staub und Schmutz weggewaschen hatte, und er legte eine frische und reine Robe an: vollständig sauber innen und außen.

Obgleich jene Menschen dieses Sûtra weder hören, noch daran glauben, noch es verstehen, werde ich sie – wo immer ich bin – mithilfe der übernatürlichen Kraft und der Kraft der Weisheit führen und dazu bringen, in diesem Dharma verweilen zu können, wenn ich (die Wahrheit von) anuttara-samyak-sambodhi erlange.

Wenn es einen mutigen und kraftvollen Menschen gibt, der schwierige Taten ausführen kann, holt der König aus dem Inneren seines Haarknotens die leuchtende Perle und gibt sie ihm. Es ist so, als ob der König aus seinem Haarknoten die strahlende Perle herausholt und weitergibt. Dieses Sûtra wird als das höchste unter allen Sûtras geehrt. Ich habe es immer bewahrt und nicht wahllos preisgegeben. Jetzt ist die Zeit, es für euch alle zu lehren.

Wenn wir vollkommen den Gleichgewichtszustand von Dhyâna erreicht haben, treffen wir die Buddhas der zehn Richtungen.
Die Körper der Buddhas, golden gefärbt und geschmückt mit 100 Zeichen des Glücks: Indem wir den Dharma hören und ihn für andere lehren, existiert dieser erfreuliche Traum für immer. Und in der Traumhandlung verlässt der König des Landes seinen Palast, seine Nachfolger und die fünf Begierden nach dem Höchsten und Feinen, und er geht zu einem Ort der Wahrheit.

Am Fuße eines Bodhi-Baums sitzt er auf dem Löwensitz strebt nach der Wahrheit sieben Tage lang und erlangt die Weisheit der Buddhas. Nachdem er die höchste Wahrheit verwirklicht hat, erhebt er sich und dreht das Rad des Dharma. Er lehrt den Dharma für die vier Gruppen, Tausende von Myriaden von Zeitaltern lang. Er lehrt den fehlerfreien wundervollen Dharma und rettet unzählige Lebewesen. Danach geht er auf natürliche Weise in das Nirvâna ein, wie eine Laterne, die ausgeht, wenn der Rauch verbraucht ist. Wenn (irgendeiner) in zukünftigen korrupten Zeiten diesen umfassenden Dharma lehrt, wird jener Mensch großen Vorteil erlangen, so wie die oben (beschriebenen) wunderbaren Wirkungen.

Kapitel 16: Die Lebenszeit des Tathâgata
Gute Söhne! Es ist unzählige und unbegrenzte Hunderttausende Myriaden von Weltaltern her, seit ich tatsächlich den Zustand Buddhas verwirklicht habe. Nehmt zum Beispiel an, dass es 500.000 Myriaden von Zeitaltern von dreitausend großen tausendfachen Welten gibt. Lasst sie von jemanden in Atome zermahlen, lasst ihn ostwärts wandern durch Hunderttausende Myriaden von Weltaltern und Länder und dann ein Atom fallen lassen. (Nehmt an, dass der Mensch) ostwärts weitergeht und so verfährt, (bis) alle jene Atome aufgebraucht sind. Gute Söhne, was denkt ihr? Ist es möglich oder nicht, alle jene Welten zu begreifen und zu zählen, um auf diese Weise ihre Anzahl zu kennen?

Gute Söhne! Wenn er Lebewesen sieht, die sich an Geringem erfreuen, deren Tugend gering ist und deren Schmutz sich angesammelt hat, dann sagt der Tathâgata zu diesen Menschen: „In meiner Jugend verließ ich das Familienleben und erreichte anuttara-samyak-sambodhi.“ Und seit ich tatsächlich (den Zustand von) Buddha verwirklicht habe, ist (meine) Ewigkeit so wie sie ist. Nur um Lebewesen durch gut geeignete Mittel zu lehren und zu transformieren, sodass sie die Wahrheit Buddhas erreichen, mache ich Aussagen wie diese.

Alles was er sagt ist wirklich, nicht hohl. Warum? (Weil) der Tathâgata die Form der dreifachen Welt, wie sie wirklich ist, kennt und sieht – ohne Leben und Tod oder Verschwinden und Erscheinen, ohne Existenz in der Welt und ohne Auslöschung, weder real noch ohne etwas weder so noch anders. Es ist am besten, die dreifache Welt als die dreifache Welt zu sehen (genauso wie sie ist, auch im Samsara und ohne an Antworten und Lehrmeinungen zu hängen).

So liegt es weit in der fernen Vergangenheit zurück, seit ich (den Zustand des) Buddha verwirklicht habe. (Meine) Lebenszeit umfasst zahllose Weltalter, existiert ewig und geht nicht unter. Gute Söhne! Die Lebenszeit, die ich durch meine unverfälschte Praxis des Bodhisattva-Wegs verwirklicht habe, ist noch nicht erschöpft, sondern wird noch zweimal so lange wie die vorherige Anzahl (von Weltaltern) dauern.

Als gut geeignete Methode, um Lebewesen zu retten, manifestiere ich das Nirvâna. Ich habe wirklich noch nicht die Welt verlassen, weile hier dauerhaft und lehre den Dharma. Ich lebe immer an diesem Ort mit mystischen Kräften. Ich bewirke, dass Lebewesen, die verwirrt sind, nicht in der Lage sind, mich zu sehen, obgleich ich nahe bin. Viele sehen, dass ich gestorben bin, und weit und breit opfern sie Gaben für meine Knochen, haben romantische Sehnsüchte und tragen Durst in ihren Herzen. Wenn Lebewesen geglaubt haben und sich gebeugt haben, einfach und geradeaus sind, beweglich im Geist, und sie von ganzem Herzen dem Buddha begegnen wollen, ohne ihren eigenen Körper und ihr Leben bequem zu schonen, dann erscheinen ich und viele Mönche zusammen auf dem Vulture-Gipfel.

(Ich bin) ewig auf dem Vulture-Gipfel anwesend und an anderen Stätten. Selbst wenn Lebewesen am Ende eines Zeitalters sehen, dass sie im großen Feuer verbrannt werden müssen, ist mein Land ruhig, immer mit Göttern und menschlichen Wesen angefüllt. Seine Parks und Paläste sind geschmückt mit vielfältigen Schätzen. Wertvolle Bäume tragen Blüten und Früchte im Überfluss. Es ist ein Ort, wo die Lebewesen sich erfreuen. Die Götter schlagen göttliche Trommeln und machen andauernd Theater und Musik und überschütten den Buddha und die große Versammlung mit Mandârava-Blüten. Mein reines Land ist unsterblich, dennoch betrachten es viele als verbrannt und voll von Gram, Entsetzen und Qualen.

Diese Lebewesen mit vielen Sünden, mit ihrem schlechten Verhalten, als direkte und indirekte Ursachen, hören den Namen der drei Schätze nicht, selbst wenn sie unzählige Zeitalter überdauern. Lebewesen, die Tugend praktizieren, die freundlich, einfach und geradeaus sind, sehen alle meinen Körper, der hier existiert und den Dharma lehrt.

Andauernd habe ich diesen Gedanken: „Wie kann ich die Lebewesen in die Lage versetzen, die höchste Wahrheit zu erlangen und schnell den Körper Buddhas zu verwirklichen.

Kapitel 18: Das Verdienst der freudigen Annahme des Sûtra
Der Buddha wandte sich an den Bodhisattva-Mahâsattva Maitreya: „Ajita, wenn nach dem Tod des Tathâgata Mönche und Nonnen, Laien und andere weise Menschen, alt oder jung, dieses Sûtra gehört haben und es mit Freude annehmen, den Dharma – Orden verlassen und irgendwo hingehen, um in Klostern und an abgelegenen Orten oder in Städten, Straßen, Dörfern und Feldern (dieses Sûtra), wie sie es gehört haben, entsprechend ihrer Fähigkeit ihrem Vater und ihrer Mutter, Angehörigen und guten Freunden und Bekannten zu erläutern, und wenn alle diese Menschen die Lehre hören, mit Freude annehmen und sie weiter überliefern, dann werden andere Menschen, die die Lehre gehört haben, sie ebenfalls mit Freude annehmen und sie bis zur 50. Generation weitergeben.“

Wie viel mehr ist jenes Glück ohne Grenzen, wenn wir (das Sûtra) mit ungeteiltem Geist hören, seine Bedeutung beleuchten und entsprechend der Lehre praktizieren?

Dann wandte sich der Buddha an den Bodhisattva-Mahâsattva, den immer Eifrigen: „Wenn irgendein guter Sohn oder eine gute Tochter dieses Sûtra der Blume des Dharma empfängt, bewahrt oder es erklärt oder kopiert, dann wird dieser Mensch 800 Verdienste des Auges, 1.200 Verdienste des Ohres, 800 Verdienste der Nase, 1.200 Verdienste der Zunge, 800 Verdienste des Körpers und 1.200 Verdienste des Geistes erhalten. Diese Verdienste werden die sechs Organe schmücken und sie alle rein machen.“

Kapitel 19: Die Verdienste des Dharma-Lehrers
Obgleich (er oder sie) noch nicht die fehlerfreie wirkliche Weisheit erlangt hat, ist sein oder ihr Geistorgan rein wie dieses.

Kapitel 25: Das universale Tor des Bodhisattva Hörer der Laute der Welt
Guter Sohn! Wenn unzählige Hunderttausende Myriaden von Lebewesen, die an Qualen leiden, von dem Bodhisattva „Hörer der Laute der Welt“ hören und mit ungeteiltem Geist den Namen (des Bodhisattva) rufen, dann wird der Bodhisattva „Hörer der Laute der Welt“ sofort ihre Schreie hören, und alle werden erlöst werden.

Guter Sohn! Wenn Lebewesen in irgendeinem Land durch den Körper Buddhas gerettet werden müssen, manifestiert der Bodhisattva „Hörer der Laute der Welt“ sofort den Körper Buddhas und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper eines Pratyekabuddha gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines Pratyekabuddha und lehrt für sie den Dharma. Für solche, die durch den Körper eines Hörers (Shrâvakas) gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines Hörers und lehrt für sie den Dharma. Für solche, die durch den Körper des Königs Brahma gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper des Königs Brahma und lehrt für sie den Dharma.

Für jene, die durch den Körper des Gott-Königs Shakra gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper des Gott-Königs Shakra und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper von Ishvara gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper des Ishvara und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper von Maheshvara gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper von Maheshvara und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper eines göttlichen großen Feldherrn gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines göttlichen großen Feldherrn und predigt für sie den Dharma.

Für jene, die durch den Körper von Vaishravana gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper von Vaishravana und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper eines kleinen Königs gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines kleinen Königs und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper eines reichen Mannes gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines reichen Mannes und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper eines Hausverwalters gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines Hausverwalters und predigt für sie den Dharma.

Für jene, die durch den Körper eines Regierungsvertreters gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines Regierungsvertreters und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper eines Brahmanen gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines Brahmanen und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper eines Mönchs oder einer Nonne, eines männlichen oder weiblichen Laien gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines Mönchs, einer Nonne, eines männlichen oder weiblichen Laien und lehrt für sie den Dharma.

Für jene, die durch den Körper der Frau eines reichen Mannes, eines Hausverwalters, Offiziellen oder Brahmanen gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper einer Frau und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper eines Jungen oder eines Mädchens gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines Jungen oder eines Mädchens und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper eines Gottes, Drachens, Yaksha, Gandharva, Asura, Garuda, Kimnara oder Mahoraga, eines menschlichen Wesens oder eines nichtmenschlichen Wesens gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) in jedem Fall sofort diesen (Körper) und lehrt für sie den Dharma.

Für jene, die durch den Körper eines diamanthaltenden Gottes gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines diamanthaltenden Gottes und lehrt für sie den Dharma. Unbegrenztes Denken! Der Bodhisattva „Hörer der Laute der Welt“ vollbringt gute Wirkungen wie diese, indem er alle Formen benutzt, alle Länder durchwandert, um die Lebewesen zu retten. Daher müsst ihr alle mit ganzem Herzen Gaben für den Bodhisattva „Hörer der Laute der Welt“ spenden. Der Bodhisattva „Hörer der Laute der Welt“ ist in der Lage, inmitten von Furcht und Schmerzen Angstfreiheit zu geben. Aus diesem Grund nennen alle in dieser Saha-Welt diesen (Bodhisattva) „Geber der Angstfreiheit“.

Während der Buddha dieses Kapitel über das universale Tor lehrte, etablierten die 84.000 Lebewesen in der Versammlung alle den Willen zum unvergleichlichen Zustand des Gleichgewichts, der anuttara-samyak-sambodhi heißt.

Kapitel 28: Ermutigung des Bodhisattva „Universale Tugend“
Während das Sûtra der Blume des Dharma auf seinem Weg durch (das Land) Jambudyipa weiterschreitet, sollte jeder, der es empfängt und behält, Folgendes überlegen: „Dies geschieht alles aufgrund der majestätischen, mystischen Kraft der Universalen Tugend.“ Wenn irgendjemand es empfängt und behält, es liest und rezitiert, es richtig erinnert, seine Bedeutung versteht und praktiziert, wie es von ihm gelehrt wird, dann sollten wir wissen, dass dieser Mensch das Werk der Universalen Tugend verrichtet.

(Der Bodhisattva „Universale Tugend“ sagte:) „Weltgeehrter! Ich werde jetzt durch meine mystische Kraft dieses Sûtra beschützen und bewahren. Nach dem Tod des Tathâgata werde ich dafür sorgen, dass es weit im (Land) Jambudyipa verbreitet wird, und ich lasse es niemals aufhören zu existieren

Daraufhin lobte Shâkyamuni Buddha ihn und sagte: „Wie hervorragend, wie hervorragend, Universale Tugend, dass du in der Lage bist, dieses Sûtra zu beschützen und zu unterstützen, indem du Frieden, Freude und Gutes für viele Lebewesen bewirkst. Du hast bereits undenkbare Tugend erreicht und tiefes Mitgefühl. Seit der weit entfernten Vergangenheit hast Du den Willen zur (Wahrheit von) anuttara-samyak-sambodhi etabliert und konntest das Gelöbnis der mystischen Kraft ablegen, dieses Sûtra zu beschützen und zu bewahren.“

Universale Tugend! Wenn es irgendjemanden gibt, der dieses Sûtra der Blume des Dharma empfängt, behält, liest, rezitiert, richtig erinnert, praktiziert und kopiert, dann wisse, dass dieser Mensch Shâkyamuni Buddha begegnet und dieses Sûtra hört, als käme es aus Buddhas Mund.


Sonntag, 3. April 2016

Buddhismus ist freudige Bewegung. Was denn sonst?


Der Buddhismus ist eine positive und lebensvolle Lehre und Praxis, die uns Menschen in zwei großen Entwicklungsschritten aus überflüssigem und selbst verursachtem Leiden herausführen möchte, damit wir zunächst einmal ein „normales“ Leben führen können. Dazu müssen wir natürlich unser Leiden möglichst klar erkennen und die Verursachung und Wechselwirkung mit anderen Menschen und Einflüssen gründlich und so weit es geht ohne Tabus analysieren: Das ist der wesentliche Impuls der Vier Edlen Wahrheiten Buddhas für Körper, Psyche und Geist.[1] Es bringt nichts, immer bei anderen die Schuld zu suchen oder sich selbst zu beklagen.

Beides sind Extreme, die der Wirklichkeit niemals entsprechen können und uns nicht wirklich weiterhelfen. Denn Buddhismus ist der Mittlere Weg der Wechselwirkung, auch und gerade beim Ausweg aus dem Leiden. Extreme sind nur hohle Ideologien, die uns verhärten, aber sie führen nicht zur freudigen psychischen, geistigen und spirituellen Bewegung. Sie dienen meist nur dem eigenen Helden-Status, sei es als grandioses Ich mit Sieg oder Untergang oder sei es als Klage-Ich des Opfers. Im Gegensatz dazu sind die buddhistischen Bewegungen und Entwicklungen für unsere Befreiung unbedingt erforderlich und sinnvoll.

In der Abbildung habe ich Einzelheiten dem sutta „Grundlagen der Achtsamkeit“ entnommen: die Arten des Leidens, die fünf Hemmnisse auf dem Weg der Befreiung und die sieben Glieder des Erwachens.[2]


Aber die Lehre Buddhas bleibt bei dem Zustand des „normalen“ Lebens nicht stehen. Sie will uns darüber hinaus zu dem bringen, was Erwachen, Licht oder Erleuchtung genannt wird. Es geht darum, aus einem schwierigen dunklen, durch Kummer, Gram und Verzweiflung bestimmten Leben heraus zu kommen, das Leiden zu überwinden und zur Freiheit und Leichtigkeit zu gelangen, dann können wir an deren Kraft und Wahrheit teilnehmen. Nishijima Roshi sagt im Einklang mit Meister Dôgen, dass dies die Verwirklichung der Buddha-Natur oder des Buddha-Wesens ist. Und Buddha lehrte, dass es für uns keine Utopie und Illusion ist oder bleiben muss, sondern dass wir durch Übung und klärende Lebens-Prozesse unser Buddha-Wesen wirklich erleben können

Welche Blume ist nun als Symbol besonders geeignet, um eine solche Entwicklung und Befreiung zu kennzeichnen? Ohne Zweifel ist das die Lotos – Blume, die aus dem Schlamm und dem schmutzigen Sumpf eines stehenden Gewässers ihre Knospe nach oben an die Oberfläche und zum Licht wachsen lässt, um sich dann in ihrer ganzen überwältigenden Schönheit der Sonne zu öffnen. Damit ist der Entwicklungs- und Befreiungsweg des Buddhismus aus dem Leiden gleichnishaft präzise beschrieben.

Gautama Buddha hat diese Lehre mit den Vier Edlen Wahrheiten und dem Achtfachen Pfad zum Erwachen und zur Befreiung einfühlsam und psychologisch treffend beschrieben. Im Zen – Buddhismus wird dabei besonders betont, dass es nicht allein um den Geist und die theoretische Lehre geht, sondern um das praktische Erleben durch sich verfeinernde Übungen und Methoden der buddhistischen Praxis: Das freudige Bewegen zur Befreiung in unserem Leben.

Das Lotus – Sûtra ist typisch für einen von Freude durchdrungenden Befreiungsweg und, wie uns Dôgen in seinem Kapitel zum Lotus – Sûtra sagt, alles andere als ein weltfremdes illusorisches „Märchenbuch“[3]. So ist es verständlich, dass das Lotus – Sûtra das wohl am meisten gelesene und rezitierte buddhistische Werk Ostasiens ist. Die wichtigste Botschaft dieses Sûtras lautet: Selbstverständlich gibt es Schlamm, Schmutz und Leiden, zum Beispiel drei Gifte Gier, Hass und Verblendung in dieser Welt.

Aber es liegt weitgehend an uns selbst, dass wir uns wie die Lotus – Blüte nicht von all diesem Negativen und diesem Schlamm verunreinigen lassen, sondern uns befreien und zum Licht der Schönheit und Freiheit unseres Lebens entwickeln. Dann können wir auch anderen Menschen effizient helfen. Dazu gibt es im Lotus – Sûtra mehrere Gleichnisse: Zum Beispiel bemerken die in ihr Spiel völlig vertieften Kinder gar nicht, dass ihr Haus Feuer gefangen hat und sie in großer Gefahr sind, eingeschlossen zu werden und zu verbrennen.

Sie werden dann gerettet und besteigen eine geschmückte Kutsche, die viel schöner ist als gedacht. Das Spiel im brennenden Haus ist nicht nur gefährlich sondern auch Zeitverschwendung. Das Lotus – Sûtra spricht häufig in Gleichnissen die Probleme, Schwierigkeiten und Gefahren dieser Welt an, ermutigt uns aber nachhaltig und überzeugend, dass wir diese Gefahren mit klarem Geist und guter Praxis meistern, ihnen entkommen und uns befeien können.

Ein sehr wichtiger Teil des Lotus – Sûtras besteht in der Weissagung, dass alle Menschen irgendwann Erleuchtung und die Freiheit eines Buddhas erlangen können, selbst wenn sie noch so tief in Schwierigkeiten, Unkenntnis und falschem Handeln verstrickt sind. Ein besonders problematisches Beispiel ist Buddhas Vetter Devadatta, der nach buddhistischer Überlieferung die Sangha gespalten hat und Buddha verleumdete. Auch ihm wird aber im Lotus – Sûtra geweissagt, dass er irgendwann nach vielen Zeitaltern ein Buddha wird. Das ist in der Tat eine erstaunliche Weissagung.

Dôgens Interpretation des Lotus – Sûtra bleibt nicht bei der Sichtweise einer schönen aber unbeweglichen Blüte und des Lebens stehen, sondern er wiederholt den berühmten Satz des großen Zen – Meisters Daikan Eno (Hui Neng), dass

sich die Blume des Buddha-Dharma, die durch die Lotos – Blume symbolisiert wird, dreht und dass sich genau in dieser Bewegung, Drehung und Dynamik die Gesundung der Welt und Befreiung des Menschen ereignet.

Wer dumpf und unklar ist, bemerkt diese befreiende Dynamik der sich drehenden Dharma-Blume nicht. Aber wer selbst auf dem Buddha – Weg Freiheit und handelnde Energie erlangt hat, dreht selbst die Dharma – Blume der Wahrheit und gestaltet zugleich sich selbst zusammen und diese Welt. Für mich ist diese Aussage der Bewegung, Dynamik und wie es hier heißt, der Drehung ein fundamentaler philosophischer Fortschritt gegenüber einem statischen Seins-Verständnis der Welt. Bei Buddha und dem großen indischen Philosophen Nâgârjuna gibt es dazu die tiefgründige Lehre der Bewegung und Entwicklung: das wechsel-wirkende gemeinsame Entstehen, pratitya samutpada.[4] Ich bin sicher, dass Dôgen genau diese zentrale Aussage des Buddhismus durch das Zitat des Zen – Meisters Daikan Eno ansprechen wollte.

Der Zen – Buddhismus gründet auf der Wirklichkeit hier und jetzt, ohne das Ganze und den Sinn des Lebens durch falsche Fragmentierung also ideelle, ideologische oder materielle Zersplitterung zu verdecken. Es geht um das Zusammenwirken des Einzelnen mit dem Ganzen, von Differenz und Einheit, Bewegung und Ruhe. Dabei reicht intellektuelles Denken, Wissen oder Rezitieren nicht aus, sondern wesentlich sind erlebendes Erfahren und die zunehmende Offenheit und Wechselwirkung mit anderen Menschen und nicht zuletzt mit der Schönheit dieser Welt, zum Beispiel einer Blume. So heißt es im Lotos-Sutra:

„Die Buddhas zusammen mit den Buddhas können vollständig verwirklichen, dass alle Dharmas (Dinge und Phänomene) wirklich Form sind.“

Dazu bedarf es des festen Vertrauens darauf, dass „wir ursprünglich Könige im Dharma sind“ wie es in diesem Kapitel zum Lotos-Sûtra heißt. Das gibt uns ein Erleben in der Harmonie der Welt.

Ich möchte nun den großen buddhistischen Meister Padmasambhava, der „Lotos - Entstandene“, zu Wort kommen lassen, der im 8. Jahrhundert vermutlich im Ost-Iran geboren wurde und wesentlich in Tibet gewirkt hat, ohne selbst Inder oder Tibeter gewesen zu sein. Für ihn sind die Schönheit, Bewegung der Welt, das Licht und die Helligkeit von zentraler Bedeutung. Seine Texte sind aus meiner Sicht von tiefer Poesie und großer Glaubwürdigkeit:

„Aus dem Zentrum des Daseins, die reine sichtbare Erscheinungsform der dem Himmelsraum (gleichenden) wirbelnden Spiralbewegung (des Seins),
sie haben sich als ein strahlendes Licht manifestiert, unaufhörlich schöpferische Fähigkeiten:
Diese seinsmäßige Turbulenz hat sich als meine schöpferische Fähigkeit erwiesen.
Und das strahlende Licht ist die schöpferische Kraft meines Spiels (und meiner freudigen Bewegung)“ [5]

Ich möchte diese Verse nach meinem Verständnis kurz in diesem Rahmen deuten:
Das Dasein wird als wirbelndes Licht bezeichnet, also Bewegung und Helligkeit. Dabei wird nicht zunächst festgelegt, welches Dasein gemeint ist, des Kosmos oder unser eigenes. Ich meine, der Autor spricht beides an. Da ist die reine Erscheinungsform unseres Lebens und der Welt. Weiter wird das Licht als unsere unaufhörliche sich immer entwickelnde schöpferische Fähigkeit bezeichnet und erkannt. Und das ist die freudige Entwicklung, nicht bierernst, nicht dogmatisch sondern spielerisch, wie im Tanz.

Wie der Übersetzer und Kommentator Herbert Guenther mit Peter Gäng zu Recht betont, sind die Arbeiten Padmasambhavas bisher viel zu wenig beachtet worden und verdienen es, in buddhistischen Kreisen gründlich gelesen, interpretiert und stärker wahrgenommen zu werden.

In einem anderen Kapitel Dôgens wird der große Zen – Meister Gensa zitiert:
Das ganze Universum ist eine leuchtende Perle“.[6]

Dieser Meister verband klares Erleben mit poetischer Kraft und Direktheit. Auch eine Perle rollt, bewegt sich und spiegelt dabei nicht zuletzt durch ihre eigene Schönheit die Welt in deren ganzer Schönheit wieder. Dieses Kapitel wurde von Dôgen außerordentlich geschätzt, und er stellte es zu den anderen fundamentalen Kapiteln in den Anfangsteil seines Werkes „Shôbôgenzô. Direktes eigenes Erleben und Erfahren ist viel wesentlicher und wichtiger als erlernte Theorie und auswendig gelerntes Wissen, es ermöglicht den unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit dieser Welt.

Auch in diesem Kapitel wird die optimistische und strahlende Erlebnis-Welt des Buddhismus wiedergegeben, ganz im Gegensatz zu dem Pessimismus und Nihilismus, die dem Buddhismus leider häufig angeheftet werden, sei es aus Unkenntnis, mangelndem Verständnis oder sei es aus dem Interesse einer Abwertung oder sogar Verleumdung. Gensa sagt in aller Klarheit, dass das Leben und das Universum wie eine Perle ist, die sich bewegt und damit die Befreiung und Weiterentwicklung im Buddhismus durch eigenes Erleben und Erfahren kennzeichnet.

Die buddhistischen Lehren sind sicher von großer Bedeutung, aber sie sind letztlich nur ein Fingerzeig auf die Wirklichkeit und unseren Befreiungsweg, den wir selbst zu praktizieren und zu gestalten haben: Bewegung, Wandel, Tun und Handeln im Einklang mit der Entwicklung von Körper, Psyche und Geist verwirklichen wir selbst in Wechsel-Wirkung mit anderen und nicht durch intellektuelle Theorie. Insbesondere die auch im Buddhismus zu findende Behauptung, dass es einen Geist isoliert vom Körper gäbe, wird von Gensa überzeugend verneint. Als er sich mit seinen offenen Sandalen an einem Stein stieß und große Schmerzen hatte, wurde ihm blitzartig klar: Es gibt keinen Geist ohne den Körper.

Seine Aussage: „Das ganze Universum ist eine leuchtende Perle“ kann nicht intellektuell und theoretisch erfasst werden, sondern muss durch eigenes Erleben verwirklicht werden. So antwortet Gensa einem Schüler der seine Aussage über die Perle wort-wörtlich wiederholt: „Ich sehe, dass du dich sehr anstrengst, um in die Höhle eines Dämons in einem schwarzen Berg zu gelangen“. Dieser Berg ist das begriffliche unterscheidende Denken und es ist die Höhle des intellektuellen Dämons in einem schwarzen Berg.

Die hier angesprochenen beiden Kapitel aus Dôgens Meisterwerk „Die Schatzkammer des wahren Dharma – Auges, Shobôgenzô“ geben die positive Lebensanschauung und Sinn-gebende Kraft des Buddhismus treffend und poetisch wieder. Sie machen Mut in einer Zeit, die von Horror-Informationen überschwemmt wird, die dann von den Massenmedien noch weiter verstärkt werden: German Angst. Aber weder Angst noch Pessimismus können uns wirklich helfen, die positive Energie und Schönheit in unserem Leben und unserer Umgebung zu entwickeln und zur Blüte zu bringen, wie auch die heutige Gehirnforschung nachweist.





[1] Gäng, Peter (Hrsg.): Meditationstexte des Pali-Buddhismus I, S. 53 ff.
[2] Gäng, Peter (Hrsg.): Meditationstexte des Pali-Buddhismus I, S. 17 ff.
[3] Seggelke, Yudo J.: ZEN Schatzkammer. Einführung in Dogens Shobogenzo, Bd. 1, Kap. 17, S. 152 ff.
[4] Nagarjuna: Verse des Mittleren Wges, MMK, Präambel
[5] Guenther, Herbert: Wirbelndes Licht, S. 47
[6] Seggelke, Yudo J.: ZEN Schatzkammer. Einführung in Dogens Shobogenzo, Bd. 1, Kap. 4, S. 54 ff.